Sprachprobleme an Grundschulen - „Wir brauchen kein Aussortieren“

Sprachprobleme an Grundschulen : NRW-Vorsitzende des Grundschulverbands: „Wir brauchen kein Aussortieren“

Die Grundschulleiterin Christiane Mika spricht im Interview über Sprachdefizite, Schulatmosphäre und die Thesen von Carsten Linnemann Schüler mit Sprachproblemen erstmal auszusortieren.

Die Libellen-Grundschule liegt im Dortmunder Norden mit seinem hohen Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte. Schon 14 Jahre ist Christiane Mika dort Schulleiterin. Seit fünf Jahren ist die 57-Jährige zudem NRW-Vorsitzende des Grundschulverbands. Den Thesen von Carsten Linnemann (CDU) zu Sprachdefiziten an Grundschulen kann sie nichts abgewinnen.

Frau Mika, wie viele Kinder werden am Donnerstag bei Ihnen eingeschult?

Christiane Mika: 75.

Und wie groß ist der Migrantenanteil?

Mika: An unserer Schule insgesamt liegt er bei 96 Prozent.

Haben Sie jetzt schon Erkenntnisse zum Sprachstand der Erstklässler?

Mika: Die meisten Kinder erfassen wir, weil dies Teil der Schulanmeldung ist. Außerdem lernen wir die Kinder zwischen Anmeldung und Einschulung in einem regelmäßigen Mathematikprojekt kennen. Diese verschiedenen Beobachtungen tauschen wir mit den Kolleginnen der Kindergärten aus. Aber in den vergangenen 14 Tagen habe ich auch noch sechs Kinder aufgenommen, die gerade erst zugewandert sind und noch keinerlei Deutschkenntnisse haben. Bei den Kindern, die im Kindergarten waren, können wir Grundlagen des Sprachverständnisses voraussetzen. Aber bei der überwiegenden Zahl der Kinder ist die deutsche Sprachbildung eine große Aufgabe und ein notwendiger Schwerpunkt.

Haben die Kinder, die mit etwa vier Jahren den Delfin-Sprachtest absolviert haben, danach die nötigen Sprachkurse auch wirklich besucht?

Mika: Die Kinder haben einen Rechtsanspruch auf diese Förderung. Dortmund hat sogenannte Sprachschulen an Grundschulen eingerichtet, damit die Förderung in engem Austausch mit den Lehrkräften erfolgen kann. Wir haben auch bei uns eine Sprachschule für die fünf Kinder, bei denen der Delfin-Test eine Fördernotwendigkeit festgestellt hat. Und es gibt noch eine Mutter-Kind-Gruppe für sechs Kinder, die keinen Kindergartenplatz haben und schon vier oder fünf Jahre alt sind. Dort lernen sie vormittags spielerisch die deutsche Sprache.

Wie gehen Sie im Schulalltag mit den Defiziten um?

Mika: Zunächst mal ist wichtig: Es geht um fehlende deutsche Sprachkenntnisse. Kein Kind kommt sprachlos hierhin, sondern verfügt über einen umfangreichen Wortschatz in der Muttersprache. Und es ist ganz wichtig, dass wir als Schule signalisieren, dass wir das Kind verstehen wollen und es schon Ausdrucksmöglichkeiten hat und erhält. Und dass wir die Herkunftssprachen wertschätzen und auch in den Unterricht einbeziehen. Wir wollen die Kinder ja zum Sprechen bringen und es ist ausreichend erforscht, dass das Erlernen der Sprache gerade da gelingt, wo sie sich wohlfühlen und eine Beziehung besteht zu ihren Klassenkameraden und der Lehrkraft.

Wie beziehen Sie die Herkunftssprachen ein?

Mika: Wir haben in den Klassen eine hohe Sprachenvielfalt. Daher achten wir darauf, dass ein Kind, das noch gar keine deutschen Sprachkenntnisse hat, auf ein anderes Kind trifft, das dieselbe Herkunftssprache spricht. Und im Unterricht räumen wir dann beispielsweise Zeit zum Übersetzen ein. Zum Teil ziehen wir auch ältere Kinder als Paten für die Pausen hinzu, damit die Kinder sich orientieren können und sich sicher und angenommen fühlen.

Sind für Sie Sprachprobleme das größte Problem im Schulalltag?

Mika: Es ist zurzeit eine unserer größten Herausforderungen und wir versuchen dabei weniger in Problemen als in Lösungen zu denken. Das ist nicht als Plattitüde gemeint, sondern es geht um die Haltung. Jedes Kind, das hier ankommt, ist gerade richtig. Und es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es die Förderung bekommt, die es braucht. Problematisch ist eher, dass es oft an der Ausstattung mit Sachmitteln und vor allem mit Personal hapert. Aber das hat nichts mit den Kindern zu tun. Und man sollte nicht unterschätzen, was wir schon durch Atmosphäre, Struktur und eine sehr intensive Elternarbeit schaffen können. Dabei machen wir die Mütter durch herkunftssprachliche Projekte gezielt mit den Lern­inhalten vertraut, die ihnen zweisprachig zur Verfügung gestellt werden. Dazu braucht man natürlich Sozialarbeiter, Räume und Mittel, die Sprachbegleiter auszubilden.

Reicht das NRW-System mit Kindergarten, Delfintest, verpflichtenden Sprachkursen und Einschulungstest aus, um Sprachdefizite zu ermitteln?

Mika: Ja. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir eine ausreichende Auswahl an diagnostischen Materialien und Verfahren zur Verfügung haben.

Was halten Sie von der Forderung des CDU-Bundespolitikers Carsten Linnemann, bei zu großen Sprachdefiziten die Einschulung zurückzustellen und eine verpflichtende Vorschule einzurichten?

Mika: Und welches Personal, das wir schon jetzt nicht haben, soll das dann bitte machen? Das ist doch absurd. Herr Linnemann hat die Formulierung verwendet: „Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Wir versuchen gerade, inklusive Schulentwicklungsprozesse zu leben. Und die Grundschule ist die einzige verbindliche und gemeinsame Schulform für alle Kinder. Wenn wir dabei irgendetwas nicht brauchen, sind es Ausgrenzungen und Maßnahmen des Aussortierens. Die gibt es früh genug am Ende der vierten Klasse, was oft eine pädagogische Katastrophe ist.

Was ist Ihre Alternative?

Mika: Wir brauchen, wenn wir Inklusion ernst nehmen und wollen, einen gesamtgesellschaftlichen Aufbruch, in dem das Bildungssystem im Zentrum steht. Es mangelt nicht an Erkenntnisgewinn, auch nicht in Bezug auf durchgängige Sprachbildungsprozesse, sondern an dem deutlichen politischen Willen, vorhandene Programme und Konzepte so finanziell und personell auszustatten, dass sie auch umgesetzt werden können.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um Sprachdefizite rasch zu mindern?

Mika: Gerade an meiner Schule, an der sehr viele Kinder einen großen Unterstützungsbedarf haben, brauchen wir auch kleinere Klassen. Um eine Sprache zu lernen, muss ich sie sprechen und anwenden können und brauche Rückmeldung und Ermutigung. In Klassen von 25 Kindern sind die Möglichkeiten dazu eingeschränkt. Außerdem brauchen wir durchgängige Ganztagsschulen mit strukturiertem Lern-, Spiel- und Lebensrhythmus. Die Halbtagsschule hilft uns da nicht weiter. Und wir brauchen standortbezogene Maßnahmen, die die Lage der Schule und die besonderen Herausforderungen und Konzepte berücksichtigen. Hier im Stadtteil zum Beispiel platzen die Schulen aus allen Nähten.

Wie groß ist nach Ihrer Berufserfahrung die Bereitschaft bei Kindern und Eltern, die bestehenden Sprachdefizite zu beheben?

Mika: Riesig, das stellen wir gerade durch die großen Nachfrage nach Ganztagsplätzen fest. Eltern hoffen zu Recht, dass dies den Erwerb der deutschen Sprache fördert. Und den Kindern ist es ein natürliches Bedürfnis, sich ausdrücken und mitteilen zu wollen. Neben den konkreten Sprachfördermaßnahmen spielt die genannte Schulkultur eine entscheidende Rolle. Welche Brücken werden den Kindern hier gebaut? Wie präsentiert sich die Schulgemeinde, um jeden willkommen zu heißen? Aber wenn mir von Anfang an gesagt wird, du kannst das noch nicht, du wirst aussortiert, was ist das für ein Zeichen?

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