So erlebte ein Bereitschaftspolizist den Einsatz im Hambacher Forst

Bereitschaftspolizist erzählt : Hambach-Einsatz: „Es war kaum ein Privatleben möglich“

Maximilian Rojahn (GdP) war tagelang mit der Hundertschaft vor Ort – die Situation danach ist für ihn und seine Kollegen „unbefriedigend“, sagt er.

Es war ein Einsatz, wie der 26-jährige Bereitschaftspolizist Maximilian Rojahn ihn noch nie erlebt hat – die Räumung des Hambacher Forstes. Wie viele Überstunden er geleistet hat, wie viele Nächte er nicht zu Hause geschlafen hat, weiß er bislang gar nicht. „Man hat in der Lage gelebt.“ Er habe eine Aggressivität bezeugt, wie sie selbst beim G20-Gipfel in Hamburg nicht geherrscht habe. Die Situation jetzt – mit einem Wald, der gar nicht gerodet wird, und einem Mehrarbeitsberg, von dem nicht klar ist, ob er ausgezahlt wird – sei für ihn und seine Kollegen „unbefriedigend“.

Der Einsatz im Wald ist – vorerst – beendet, das Ringen um einen Ausgleich für die Polizisten nicht. Ende der vergangenen Woche kündigte Innenminister Herbert Reul (CDU) zwei Tage Sonderurlaub für alle Einsatzkräfte an. Das sei „eine nette Geste“, sagt Michael Mertens, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Aber bei uns drückt der Schuh an anderen Stellen.“ Die Überstunden könnten aus organisatorischen Gründen kaum abgefeiert und müssten daher ausgezahlt werden, außerdem dürften sie nicht wie bisher vorgesehen verfallen. Der Dauereinsatz im Hambacher Forst bedeutete für die NRW-Kräfte, so Mertens, „eine Sonderbelastung, die in dieser Form noch nicht da war“. 90 bis 100 Stunden hätten viele der Beamten pro Woche gearbeitet, 200 bis 300 Überstunden pro Kopf seien keine Seltenheit.

Maximilian Rojahn, selbst bei der Jungen Gruppe der GdP aktiv, hat wie gesagt noch gar keinen Überblick über seine Mehrarbeit. Belastend sei aber vor allem gewesen, dass Einsätze sehr kurzfristig anberaumt wurden: „Die Planbarkeit war ein Riesenproblem.“ Seine Hundertschaft aus Gelsenkirchen war wegen der langen Anfahrt meist drei bis vier Tage am Stück vor Ort, die Beamten wurden in Hotels untergebracht. Viele seiner Kollegen, die Kinder haben, hätten Babysitter bezahlen müssen. „Es war kaum ein Privatleben möglich“, schildert der 26-Jährige die Wochen.

Für den GdP-Mann zählt jetzt der Blick in die Zukunft

Hinzu kam die psychische Belastung, Rojahn empfand es als „erschreckend, wie hoch die Gewaltspirale war“. Zwar bekam er selbst keine Fäkalienwürfe ab, sprach aber mit den Kollegen, die erst eine Schockstarre, dann tiefsten Ekel erlebt hätten: „Das geht an die Substanz.“ Und auch der Tod eines jungen Journalisten ging ihm „unglaublich nah“. „Das war etwas ganz Neues“ bilanziert der junge Polizist und Gewerkschafter heute. Und teilt wohl mit vielen anderen Beamten das Gefühl, in einem Dauereinsatz verheizt worden zu sein, der durch den gerichtlichen Rodungsstopp nun konterkariert wurde. „Ich denke, da werden wieder Baumhäuser und Barrikaden gebaut“, so Rojahn. „Man hätte alle rechtlichen Instanzen abwarten sollen.“

Für den GdP-Mann zählt jetzt aber der Blick in die Zukunft, denn: Hambach war in seinen Augen ein Extrem-, aber kein Einzelfall. „Die Anforderungen an die Flexibilität werden immer größer“, erlebt er bei den Bereitschaftskräften. Die Bundespolizei zahle dafür bereits eine Zulage – die Landespolizei bislang nicht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung