Schutzengel für Tiere: Verein rettet Wallach Remo vor dem Schlachter

„Schutzengel für Tiere“ : Verein rettet Pferd vor dem Schlachter - Ein Schutzengel für Wallach Remo (36)

Der Wallach Remo hat seinen Besitzer überlebt und sollte danach weg. Drei Reiterinnen und der Verein „Schutzengel für Tiere“, der sich speziell um Nutztiere kümmert, retteten ihn.

Eigentlich wäre Remo schon vor einem Vierteljahrhundert zum Schlachter gekommen. Der Wallach war unausstehlich, griff Menschen auf der Weide an, preschte beim Reiten plötzlich los und biss. Dass sein Leben dennoch kein gewaltsames Ende fand, verdankt das Pferd der Begegnung mit einem Mann, der sich Hals über Kopf verliebte und Remo ein Zuhause schenkte. Das Problem: Seinen Retter hat der Warmblüter inzwischen überlebt. Abermals hing sein Leben am seidenen Faden. Und abermals hatte Remo das Glück besonderer Menschen, in deren Augen er die Mühe wert ist. Während die durchschnittliche Lebenserwartung seiner Artgenossen 25 bis 30 Jahre beträgt, feiert Remo bald seinen 37. Geburtstag.

Wenn der betagte Fuchswallach aus seiner Box auf dem Spieckershof in Ratingen trottet, sieht jeder Laie, dass er keinen Jährling vor sich hat. Remos Fell ist struppig, sein Rücken hängt tief durch, die Beine wirken steif. Aber seine Augen sind hellwach, die Ohren spielen in alle Richtungen. Jessica Theis zieht eine Tüte weicher Senioren-Leckerli hervor: „Er hat zwar noch Zähne, aber nicht mehr viele.“ Sofort streckt Remo abwechselnd seine Vorderbeine in die Luft – mit der Seniorenversion des Spanischen Schritts, einer Lektion hoher Dressur, will er beeindrucken und sich mehr Süßigkeiten erschleichen. Auf seinem blauen Halfter steht „Prince Charming“ – wohl eine Form von Reitersarkasmus.

Remos Besitzer half immer allen – das zahlt man ihm nun zurück

Remo kam als Zehnjähriger auf den Reiterhof und hat sich rasch den Ruf des Stall-Griesgrams verdient. Unvergessen ist, wie er sich einst beim Spaziergang losriss und den benachbarten Golfplatz umpflügte. „Aber seinem Besitzer war es egal“, sagt Jessica Theis mit einem verräterischen Glitzern in den Augenwinkeln. „Remo hat ihn umgeschmissen, ihm die Jacke zerrissen – aber ihm hat das alles nichts ausgemacht.“ Herrchen vergötterte ihn. Und alle Menschen auf dem Spieckershof vergötterten Herrchen, der täglich mit dem Fahrrad zu dem abgelegenen Gut kam, um Futter für alle anderen Pferde vorzubereiten, liebevoll Möhren schnitzte und jederzeit jedem half. „Er war so ein lieber Mensch ...“

Als der Mann mit inzwischen über 80 nach heftigem Krebsleiden starb, bekamen Jessica Theis und ihre Reiterkolleginnen Panik. „Die Witwe wollte Remo nicht mehr durchfüttern.“ Sie habe nie Verständnis für die späte Reitleidenschaft ihres Partners gehabt. Doch wer sollte ein störrisches Pferd von Mitte 30 nehmen wollen? Völlig verzweifelt rief Theis bei Petra Wintersohl an. Ihr Verein „Schutzengel für Tiere“ rettet Tiere vor dem letzten Gang in die Wurst. Das Besondere: Er kümmert sich speziell um Nutztiere.

Vereine für den Schutz niedlicher Katzen und treuer Hunde gebe es zuhauf und das sei ja auch gut so, sagt Petra Wintersohl. Aber es brauche auch eine Lobby für Tiere, deren Schicksal nicht gleich zu viralen Mitleidsstürmen in sozialen Medien führt. Mehr als 180 Tiere versorgt der Verein aus dem Sauerland inzwischen – darunter mit Remo 20 Pferde, 20 Rinder, 50 Schafe und Ziegen, 45 Gänse und 47 Schweine. 10 000 Euro kostet deren Unterhalt pro Monat, viel davon wird über Tierpatenschaften hereingeholt. Aber ohne Menschen wie Remos Retterinnen geht es oft nicht. „Vom Kraftfutter habe ich nie auch nur eine Rechnung gesehen“, verdeutlicht Wintersohl. Jessica Theis und zwei andere Reiterinnen teilen die Kosten untereinander auf und die viele Arbeit, die ein so altes Pferd macht. „Bei Menschen wäre das mindestens Pflegestufe drei“, verdeutlicht Wintersohl. Die Witwe von Remos Besitzer unterhält immerhin auch noch eine 15-Euro-Patenschaft.

Jessica Theis (l.) wollte Remo vor dem Weg zum Schlachter bewahren. Sie rief Petra Wintersohl (r.) an, die sofort einsprang und das Pferd übernahm. Foto: Juliane Kinast

Was das viele Kraftfutter, das Remo bei Kräften hält, überhaupt kostet, kann und will Jessica Theis gar nicht ausrechnen. Manchmal, so scheint es, ist auch noch viel zu viel Kraft in ihm. Dann wird es richtig teuer: Gleich nachdem die Tier-Schutzengel vor zwei Jahren Remo offiziell übernommen hatten, bockte er auf dem Reitplatz los, als wäre er ein Fohlen – und zog sich prompt einen Muskelfaserriss zu. 600 Euro Tierarztkosten extra. Große Tiere kosten den Verein leider auch großes Geld.

Die Dürresommer machen dem Tierschutzverein Sorgen

Angesichts des Herzbluts, mit dem Menschen wie Jessica Theis für Remo kämpfen, war es für Petra Wintersohl keine Frage, sich in dem Fall zu engagieren. Aber: Die „Schutzengel für Tiere“ haben jetzt „aus finanziellen Gründen Aufnahmestopp“. Anders als bei Haustieren ist eine Vermittlung bei ihren Schützlingen fast ausgeschlossen. Etwa bei den sechs Jungrindern, die ein psychisch erkrankter Landwirt völlig hatte verlottern lassen, die einen Lungenschaden erlitten und zu mickrig für einen Verkauf sind. Unter den Gnadenbrottieren sind auch Lämmer, die Wanderschäfer zurückließen, weil sie nicht mit der Herde Schritt halten konnten. Und gleich mehrere Ferkel, die nach dem Anruf aufgelöster Bräute zu Wintersohl kamen: Sie wurden als potenzielle Spanferkel traditionsgemäß zur Hochzeit geschenkt, doch die Frauen brachten es nicht über sich, die Tierchen schlachten zu lassen. Dieser wieder erstarkende Geschenketrend sei eine „Unsitte“, sagt Wintersohl.

Neben den ohnehin hohen Kosten für die Nutztierhaltung macht Petra Wintersohl jetzt auch noch der Klimawandel Sorgen: Nach dem zweiten Dürresommer hat der Verein nicht genügend Futterreserven. „Nun steht man da und muss von überall Heu zusammenkaufen“, erklärt sie. Aber: Viele Landwirte hätten selbst nicht genug für ihren Bedarf. „Das verschärft sich. Das Wetter wird immer extremer“, so die Tierschützerin. „Wir brauchen jetzt dringend neue Paten.“

Die können sich ihr Lieblingstier unter den Gnadenbrötlern aussuchen und es sogar besuchen. Natürlich mit vorheriger Anmeldung. Sich etwa Remo als Fremdling einfach so zu nähern, ist jedenfalls nicht empfehlenswert. Er ist eben der alte Grummel vom Spieckershof: griesgrämig, aber geliebt. Und wird es hoffentlich noch ein paar schöne Jahre lang bleiben.

Mehr von Westdeutsche Zeitung