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Zwangsarbeit: Stele gegen das Vergessen

Zwangsarbeit: Stele gegen das Vergessen

Vor den Herbstferien wird nach langer Vorgeschichte die Tafel aufgestellt.

Neuss. Geschichtsinteressiert sind viele Neusser, zahlreich die Forschungen und Veröffentlichungen zur Stadthistorie. Beim Thema Zwangsarbeit allerdings dauerte es lang, bis Untersuchungen in Gang kamen. Jetzt soll bis zu den Herbstferien auch die lange beschlossene Erinnerungsstele am Hafenbecken I aufgestellt werden.

Zwangsarbeiter — ob Zivilarbeiter, Kriegsgefangene oder „Ostarbeiter“ —, wurden seit Kriegsbeginn in Neuss eingesetzt, so wie in anderen Städten. Allerdings: In Neuss waren es, gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen, besonders viel. Zunächst waren sie in der Landwirtschaft eingesetzt, dann vor allem ab 1942 in der Industrie.

Etwa 10.000 Männer und Frauen, so Ergebnis einer Dokumentation im Stadtarchiv, haben von 1939 bis 1945 in Neuss als Zwangsarbeiter gelebt. Allein 2800 von ihnen arbeiteten im Hafen bei IHC (International Harvest Company Neuss), wo man nicht mehr Traktoren, sondern Rüstungsgüter wie Munitionsrohlinge oder Panzerteile herstellte. Und auch bei Bauer & Schaurte an der Furth produzierten Männer und Frauen vor allem aus dem Osten Schrauben für Flugzeuge und Panzer.

In fast 80 Lagern, quer durchs Stadtgebiet verteilt, waren die zur Arbeit gezwungenen Menschen untergebracht.

Erst als Ende der 90er Jahre die Diskussion um den Wiedergutmachungsfonds entbrannte, wurde das Thema auch in Neuss ernst genommen. Der Stadtrat gab im Dezember 1999 eine Untersuchung in Auftrag; später als die meisten Kommunen. 2005 wurde das Ergebnis vorgestellt: eine vom Stadtarchiv herausgegebene Dokumentation, die angesichts der schwierigen Quellenlage das Thema doch gut strukturiert durchleuchtet.

Nicht das letzte Wort der Forschung, wie Archivleiter Jens Metzdorf feststellt, aber eine detaillierte Grundlage für weitere Arbeiten. Die Autoren Andrea Niewerth und Christoph Roolf kamen damals zu dem Schluss, dass auch im katholischen Neuss der Einsatz dieser Menschen akzeptiert wurde und dass führende Industrievertreter „die lokale Zwangsarbeiterpolitik sehr rigide durchsetzten“.

Nach Erscheinen der Publikation beschloss die Politik auf Antrag der Grünen 2007, mit einer Stele am Hafen an die Schicksale dieser Menschen zu erinnern. Die Umsetzung zog sich wieder einmal hin, der zunächst geplante Standort an der Hammer Landstraße 3 vor der Hafenverwaltung musste aus verkehrstechnischen Gründen aufgegeben werden.

Nach Abschluss der Arbeiten zur Terrasse am Hafenbecken I wird nun die von Nils Kemmerling gestaltete Stele mit Inschrift am Hafenkopf aufgestellt. Ein Zeichen gegen das „Nachkriegs-Beschweigen“, das die Autoren der Dokumentation ausgemacht haben.