„Wer arbeitet, muss ordentlich leben können“

„Wer arbeitet, muss ordentlich leben können“

Manfred Schallmeyer, der frühere Vorstand der IG Metall, spricht über den 1. Mai.

Herr Schallmeyer, Maikundgebungen werden zum Familienfest. Folklore statt Verteilungskampf?

Manfred Schallmeyer: Natürlich nicht. Aber auch für Arbeitnehmer ist Norderney attraktiver als der Neusser Marktplatz. Es ist also richtig, dass Geschwerkschaften nach modernen Formaten suchen, denn der 1. Mai gehört zu unserer Tradition. Wie das Neusser Schützenfest — nur etwas kleiner. Der Familienansatz für den 1. Mai ist richtig. Über Erfolg oder Nichterfolg entscheidet letztlich, ob die Gastgeber mit Herz bei der Sache sind.

Warum ist der 1. Mai eine Tradition?

Schallmeyer: Er rückt einmal im Jahr die Arbeitnehmer in den Mittelpunkt. Die mediale Beachtung ist gut und unser Hebel, Botschaften auszusenden, ist weitaus größer als es die Teilnehmerzahlen, zum Beispiel 500 in Neuss, suggerieren. Man sollte bewährte und identitätsstiftende Traditionen nicht leichtfertig irgendeinem Zeitgeist opfern.

Welche Botschaft soll vom 1. Mai ausgehen?

Schallmeyer: Wir haben zwei anständige Tarifrunden hinter uns, die belegen, wie wichtig starke Gewerkschaften sind, um Erfolg zu haben. Im öffentlichen Dienst hat mich die konstruktive Rolle überrascht, die Innenminister Seehofer eingenommen hat. Dort gibt es jetzt und später mehr Geld, ebenso wie im Bereich der IG Metall. Unter dem Stichwort Zeitsouveränität ist uns ein guter Beitrag zur Vereinbarung von Familie und Beruf gelungen. Deshalb die Botschaft: Solidarität. Vielfalt. Gerechtigkeit.

Wie leben Sie mit dem Vorwurf, die Gewerkschaften verfolgten letztlich das Ziel der Gleichmacherei?

Schallmeyer: Quatsch. Es sollen nicht alle das Gleiche haben, aber alle sollten genug haben, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Da habe ich so meine Zweifel, dass das gelingt — zum Beispiel, wenn ich auf den Wohnungsmarkt schaue. Darum fordere ich, dass sich die Gewerkschaften auch um Wohnungsbaupolitik kümmern. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Unser Zuhause ist Heimat, ist Fluchtpunkt. Das ist ein Zukunftsthema für uns. Gewerkschaften sind Anwälte der Arbeitnehmer.

Sozial ist, was Arbeit schafft?

Schallmeyer: Das ist Volksverdummung. Sozial ist, was gute Arbeit schafft. Prekäre Arbeitsverhältnisse wie befristete Verträge ohne Ende und Leiharbeit gehören abgeschafft. Wer arbeitet, muss von seinem Lohn ordentlich leben können und darf erwarten, dass auch seine Rente zum Leben in Würde reicht. Wo sind wir denn, wenn gilt: Gut, dass die Jugend säuft, dann können die Alten vom Flaschenpfand leben.

Ist die SPD Ihr gewachsener Partner?

Schallmeyer: Da gibt es eine historisch gewachsene Seelenverwandtschaft. Grundsätzlich sind die Gewerkschaften parteipolitisch unabhängig. Sie sind aber gesellschaftspolitisch nicht neutral. Parteien und Politiker entscheiden selbst, wie nah oder fern sie uns stehen.

Da klingen Zweifel durch.

Schallmeyer: In der der SPD-Mitgliederzeitung „Vorwärts“ habe ich gelesen, dass ich keine Angst vor Karl Marx haben muss und dass der Seeheimer Kreis am 5. Juni sein Spargelessen hat. Ich habe aber keinen Hinweis gefunden, dass Dienstag der 1. Mai ist. In einer E- Mail an die Chefredaktion habe ich die Frage gestellt, ob der Tag der Arbeit dem Erneuerungsprozess der SPD zum Opfer gefallen ist.

Was hat Sie zuletzt besonders bewegt?

Schallmeyer: Der Tod der großen Sozialdemokratin Anni Brandt-Elsweier. Eine kluge Frau mit Herz und Verstand. Sie hat bei uns in Reuschenberg um die Ecke gewohnt. Sie war oft bei uns zum Essen. Wir vermissen.

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