Weltfrauentag : „Wenn das System unter Druck gerät, wird gehandelt“

Interview Gleichstellungsbeauftragte über den Weltfrauentag.

Der Weltfrauentag soll das Thema Gleichstellung ins Bewusstsein rücken. Katja Gisbertz, seit 2015 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, und Hedwig Claes, Gleichstellungsbeauftragte des Rates, sehen Handlungsbedarf.

Welches Programm gibt es in Neuss zum Weltfrauentag?

Katja Gisbertz: Das ist ein Potpourri an verschiedenen Veranstaltungen, von Bildungsvorträgen bis Sportangeboten ist alles dabei. Dieses Jahr steht das Programm unter dem Thema „Nur Mut!“.

Und was steckt dahinter?

Gisbertz: Viele Frauen nehmen sich oftmals zurück. „Nur Mut!“ steht dafür, dass Frauen sich ruhig trauen können, sich Zeit für sich selbst zu nehmen, sich zu informieren.

Bedeutet das, es liegt nur an den Frauen, dass Gleichstellung erreicht wird?

Gisbertz: Nein, es ist falsch, Frauen die Schuld zu geben, dass sie weniger sichtbar sind. Dass Männer und Frauen in dieser Gesellschaft nicht die gleichen Chancen haben, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Dass Frauen weniger sichtbar sind, liegt auch daran, dass sie mehr Zeit für Haushalt und Kinder – verwenden als Männer.

Gisbertz: Da sehe ich auch Männer in der Verantwortung – sowohl in den Familien als auch als Arbeitgeber. Die gesamte Gesellschaft sollte ein Interesse daran haben, dass unsere Kinder gut betreut sind, dass unsere Alten wertschätzend behandelt werden.

Wird sich das ändern?

Gisbertz: Wenn man drüber gesprochen hat, dann schafft das Öffentlichkeit. Ich habe die Hoffnung, wenn die Nachfrage steigt, ändert sich etwas: nach Kita-Plätzen, veränderten Arbeitsbedingungen und -zeiten. Je mehr das System unter Druck gerät, desto mehr wird gehandelt.

Hedwig Claes: Es hat schon einen Wandel gegeben. Im politischen Raum ist es etwas so Banales, wie Straßenbenennungen nach Frauen.

Und wie wollen Sie ein stärkeres Bewusstsein für das Thema Gleichstellung erreichen?

Claes: Uns fehlt bislang noch Feedback, welche konkreten Angebote vor allem junge Frauen in Neuss noch brauchen. Ab dem kommenden Jahr wird es einen Gleichstellungsbeirat geben, der sich damit beschäftigt. Nicht nur Politikerinnen, sondern auch Menschen aus den Vereinen und Frauenverbänden sollen Teil dieses Gremiums sein.

Und wie kann Gleichstellung politisch umgesetzt werden?

Claes: Es geht auch darum, wohin öffentliche Gelder fließen. Wenn die Stadt einen Kunstrasenplatz finanziert, dann profitieren davon zehn Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent davon sind Männer. Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass darauf geschaut wird, was für Frauen getan werden kann – die ja auch Steuern zahlen.

Was wäre das zum Beispiel?

Claes: Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen eher Radwege und den ÖPNV benutzen als Männer. Themen, die für Frauen wichtig sind, müssen sichtbarer werden.