„Realistischere Hoffnung“ im SPD-Jubiläumsjahr

„Realistischere Hoffnung“ im SPD-Jubiläumsjahr

Eine Mehrheit im Rat gab es nie. Nach Sieg bei der Landtagswahl herrscht neuer Optimismus.

Neuss. In Leipzig feiern am Donnerstag die Sozialdemokraten. Vor 150 Jahren gründete Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, den Vorläufer der SPD. In Neuss steht im nächsten Jahr ein Jubiläum an: 125 Jahre SPD in einer Stadt, die nie zur Hochburg der Genossen wurde.

Benno Jakubassa, seit 41 Jahren — durchaus kritisches — SPD-Mitglied und seit 15 Jahren Vorsitzender des Neusser Stadtverbands, bekennt sich dazu, stolz auf seine Partei zu sein. Dabei mag er den Begriff „Partei“ so allein nicht stehenlassen. „Wir sind viel mehr. Die SPD ist als soziale Bewegung groß geworden, mit zahlreichen Umfeldorganisationen, die Hilfe zur Selbsthilfe praktiziert haben.“

Das werde oft vergessen: „Es ging um viel mehr als das Gewinnen von Wahlen.“ Und so sieht Jakubassa denn auch die Bedeutung der Sozialdemokratie, die in 150 Jahren eher selten Regierungsverantwortung trug, in ihrem Wirken auch in der Opposition. „Die SPD hat deutsche Geschichte entscheidend beeinflusst — vom Frauenwahlrecht 1919 über die Rentengesetze bis zur Sozialgesetzgebung nach dem Krieg.“

Neuss war bis auf wenige Ausnahmen kein gutes Pflaster für die SPD. Allerdings stand die Stadt einmal im Mittelpunkt des politischen Interesses: Ferdinand Lassalle hielt im Jahr der bürgerlichen Revolution von 1848 eine Rede auf den Wiesen am Hessentor — 10 000 Menschen aus Neuss und Umgebung waren begeistert. Wegen Aufrufs zum bewaffneten Widerstand wurde der charismatische Redner angeklagt und im zweiten Anlauf verurteilt.

1889 gründete sich in der Stadt der „Neusser Volksverein“, Vorläufer der städtischen SPD, die ein Jahr darauf bei der Reichstagswahl gleich auf mehr als 20 Prozent der Stimmen kam. Doch bürgerliche und christliche Vereine und Wohltätigkeitsorganisationen erhielten mehr Zuspruch als die Genossen.

Auch nach dem Krieg gelang es der SPD in Neuss nie, die Mehrheit im Rat zu erringen. Jakubassa verweist darauf, dass immerhin ein SPD-Stadtdirektor für eine Amtszeit die Verwaltungsgeschicke der Stadt leitete.

Und natürlich muss die Rede auf Friedhelm Farthmann kommen: Der einflussreiche Landespolitiker, großer Strippenzieher zu Johannes Raus Zeiten, gewann 1985 und 1990 den Neusser Landtagswahlkreis — und verlor 1980 und 1990. „Der Sieg Farthmanns setzte 1985 den Erneuerungsprozess der CDU in Gang“, ist Jakubassa überzeugt: Grosse-Brockhoff, Reinartz und Napp hätten ihre Chance genutzt.

Fast 30 Jahre später ist Reiner Breuer 2012 der überraschende Sieg bei der Landtagswahl gelungen. Der Parteichef betont, „Hoffnung und Traum“ auf eine Mehrheit im Rat oder den sozialdemokratischen Bürgermeister seien realistischer geworden. Er sagt aber auch: „Die CDU ist viel nervöser, als wir optimistisch sind.“

Das Neusser Parteijubiläum soll im kommenden Jahr groß gefeiert werden. Mit einem prominenten Gast, mit einer Ausstellung und vielleicht mit der erweiten Neuauflage der Publikation, die 1989 zum 100-Jährigen erschienen ist. Johannes Rau schrieb damals in seinem Grußwort: Es gelte, „den Sozialstaat neu zu gestalten und dabei auch die Prinzipien von Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu bewahren.“

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