Proteste in Istanbul: Ärztedelegation in der Kampfzone

Proteste in Istanbul: Ärztedelegation in der Kampfzone

Eine Ärztin aus Neuss hat Eskalation der Gewalt in Istanbul hautnah miterlebt.

Neuss/Istanbul. Die Situation in Istanbul hat sich verschärft. Am Wochenende hat Premier Tayyip Erdogan den Gezi-Park mit von TV-Reportern als „rustikal“ beschriebenen Mitteln räumen lassen.

Menschen wurden mit Wasser und Tränengas auseinandergetrieben, verletzt, festgenommen. Den Protest der von der Regierung als „Lumpen“ und „Terroristen“ bezeichneten Demonstranten hat das nicht erstickt.

Schon in den vergangenen beiden Wochen drohte die Lage in Istanbul immer wieder zu eskalieren. Eine spanische Ärztin, die in Neuss lebt, war zu Beginn der Unruhen Ende Mai/Anfang Juni zu einem neurologischen Kongress in der türkischen Metropole und hat die Brutalität, mit der die Polizei gegen die Demonstranten vorging, hautnah miterlebt.

Sie steht in einer familiären Beziehung zu dem Neusser Dirk Aßmuth, der als Vorsitzender der Reservistenkameradschaft (RK) der Bundeswehr in Neuss hohes Ansehen genießt. Die Ärztin selbst will sich nicht zu den Geschehnissen äußern.

„Sie ist keine Politikerin. Ihre Angst hat sie zudem erst überwunden, seitdem sie dem an Syrien erinnernden Kampfgebiet den Rücken gekehrt hat“, sagt Aßmuth.

„Die internationale Delegation aus Europa und den USA wollte im Interconti einen dreitägigen Kongress abhalten und wurde von den Ereignissen quasi überrollt“, berichtet Aßmuth. „Es wurden Salven von Tränengasgranaten abgeschossen, die über die Klimaanlage bis in die Zimmer des Hotels gelangten. Und das mitten in der Nacht“, gibt der Neusser den Augenzeugenbericht weiter.

Die Gäste hätten ihre Zimmer verlassen müssen und seien aus den Hotels ausgesperrt worden.

Über Schleichwege und an meterhohen Barrikaden vorbei sei die Gruppe später zum Interconti zurückgekommen, um das Gepäck zu retten und im Schutz der Morgendämmerung per Bus zum Flughafen zu fahren. Auch Demonstranten hätten in der Lobby des Hotels Schutz vor der Gewalt gesucht.

„Sie berichteten von Exzessen, Gasangriffen und Stockschlägen“, sagt Aßmuth. Die Presse habe zu diesem frühen Zeitpunkt der Erdogan-Proteste noch so gut wie gar nicht berichtet.

Aber nicht nur Politik und Polizei in Istanbul kritisiert Aßmuth, auch einer deutschen Behörde wirft er Versagen vor: „Ich habe, nachdem ich von den Vorkommnissen Kenntnis erhielt, das Auswärtige Amt angerufen. Die haben gesagt, das sei doch alles nicht so schlimm und wäre vergleichbar mit den Demonstrationen in Deutschland am 1. Mai. Ich könne mich am nächsten Tag ja noch Mal beim Konsulat melden.“ Eine kolossale Fehleinschätzung, wie Aßmuth findet.

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