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Pogromnacht: Verantwortung für die Erinnerung

Pogromnacht: Verantwortung für die Erinnerung

Vor 74 Jahren brannten die Synagogen.

Neuss. Das Wachhalten der Erinnerung, die Verantwortung daraus für die Gegenwart: In einer Gedenkstunde erinnerte die Stadt am Freitag wieder an die Opfer der Pogromnacht des Jahres 1938. Am Freitag kam, ein Jahr nach Bekanntwerden der NSU-Morde, ein aktueller Anlass hinzu.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen, auch in Neuss. Juden wurden gedemütigt, verfolgt, in Konzentrationslager gebracht, auch in Neuss. An der Promenadenstraße, wo heute anstelle der zerstörten Neusser Synagoge das Mahnmal des Künstlers Rückriem steht, trafen sich am Freitag junge und alte Menschen, Juden und Nicht-Juden, zur Erinnerung.

Es gehört schon zur Tradition dieser Gedenkfeier, dass Schüler einen entscheidenden Beitrag dazu erarbeiten. Diesmal waren es Jugendliche der Jahrgangsstufe 13 des Gymnasiums Norf, die sich — nach einem Auschwitz-Besuch — in ihren Texten mit der Pogromnacht auseinandersetzten. „Hätten wir uns damals auch verführen lassen?“, fragte eine Schülerin, und: „Wie gedankenlos sind wir heute in bestimmten Situationen?“ Antworten gab sie nicht, mahnte aber: Eine Gedenkfeier wie die Neusser biete die „Chance, die Verantwortung für die Erinnerung wahrzunehmen“.

Das Engagement der Schüler lobte Michael Szentei-Heise von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Er setzte in seiner Rede bittere Akzente: Die Debatte um die Beschneidung mit der Begründung, Juden würden das Wohl ihrer Kinder missachten, der Angriff auf einen Rabbiner in Berlin und die unglaublichen Vorkommnisse in Bezug auf die NSU-Morde hätten die jüdische Gemeinschaft in Deutschland zutiefst erschüttert.

Auch Bürgermeister Herbert Napp erklärte, die immer neuen Nachrichten in Zusammenhang mit der Aufklärung der NSU-Morde seien mit dem Begriff Ermittlungspannen wohl kaum noch zu erklären. Das sollte Mahnung sein. Szentei-Heise wurde deutlicher: Es entstehe der Eindruck, dass es in allen beteiligten Behörden „Mittäter oder zumindest Mitwisser“ gab. Er griff den Ausdruck „Wehret den Anfängen“ auf und fragte abschließend, ob man die Anfänge nicht schon hinter sich habe.

Die Gedenkfeier schloss mit dem von der Pfarrerin Ilka Werner und Oberpfarrer Guido Assmann von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vorgetragenen 36. Psalm („Gott, die Quelle des Lebens“) und der Lesung des Totengebets El Male Rachamin durch Rabbiner Vladyslav Kaplan.