Novesia schubst Breuer vom Thron

Novesia schubst Breuer vom Thron

Mit Macht ist Heike II. in Begleitung ihres (auch sonst) eher zurückhaltenden Prinzen ins Rathaus einmarschiert.

Neuss. Es ist nicht sein Tag, und genau das macht diesen Tag für ihn zu einem guten. Prinz Dieter IV. trottet am Donnerstagmorgen die lange, geschwungene Treppe im Rathaus hoch. Vor ihm läuft entschlossenen Schrittes eine Frau in wallendem, rot-weißen Kleid. Und man merkt schnell: Sie hat hier die Hosen an. Novesia Heike II. trägt die Peitsche in der Hand und die Winterjacke über dem Kleid. Sie ist gekommen, um den Bürgermeister aus seinem Büro zu jagen und die Macht in der Stadt — stellvertretend für die jecken Frauen — zu übernehmen. Wie man das halt so macht, an Weiberfastnacht in Neuss. Nur macht es die aktuelle Novesia eben etwas anders.

Einmarsch ins Büro des Bürgermeisters. Es dauert nur wenige Sekunden, da ist Reiner Breuer von der rot-weißen Stadt- und Prinzengarde und ihrer Anführerin Heike II. umringt. „Ach, da ist ja auch der Prinz“, sagt der Bürgermeister zu Dieter IV., als er ihn in den hinteren Reihen entdeckt. „Aber du hast heute nichts zu sagen“, ruft der Bürgermeister zu ihm hinüber.

Die Novesia nickt zustimmend, Breuer versucht noch kurz zu entkommen, doch die Garde hat längst die rot-weiße Absperrkette um den Bürgermeister geschlungen. Hilfe vom Prinzen braucht diese Novesia nicht. „Eigentlich hätte er das ja auch machen müssen“, sagt sie später in Richtung von Dieter, „dieses Jahr bin ja eigentlich ich der Prinz.“

Foto: Andreas Woitschützke

Schon in den vergangenen Wochen merkte man: Dieses Prinzenpaar ist anders. Heike II. wollte so gerne einmal Novesia werden, so erzählt sie es immer wieder, dass sie ihren Dieter vor die Wahl stellte: „Entweder du machst mit oder ich suche mir einen anderen Prinzen.“ Und deshalb macht Dieter mit.

„Ich habe heute keine Aufgaben, ich muss nur meine Frau begleiten“, sagt er vor dem Rathaus um 11 Uhr, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann marschieren die Garden, das Prinzenpaar und der gefesselte Bürgermeister zur Bühne auf dem Markt.

Und dann wird es ernst, der Kampf um den Rathausschlüssel steht an. „Novesia, holst du dir den Schlüssel mit ein paar Bützchen oder auf andere Art?“, fragt der Moderator noch, da klatschen schon zwei Peitschenhiebe auf Bürgermeister Breuer ein. Der hält abwehrend die Hände hoch, duckt sich und rückt schnell den goldenen Schlüssel der Stadt heraus. Die Frauen auf dem Markt jubeln. Heike II. hat die politische Macht der Stadt übernommen.

„Es war schön, gefesselt zu werden, aber die Schläge waren mir zu hart“, sagt Breuer kurz. „Mädels, Altweiber gehört uns!“, ruft die Novesia und hält triumphierend den Rathausschlüssel hoch. „Die Männer sind heute an zweiter Stelle — und da gehören sie hin!“, sagt sie. Die wenigen Buhrufe der Männer gehen im tosenden Applaus der Frauen auf dem Markt unter.

Dann drückt der Moderator doch noch Prinz Dieter das Mikro in die Hand. Viel will er nicht verkünden. Nur das: „Heute haben die Frauen das Sagen, ich bin nur Nebensache.“ Es ist ein Satz, der in dieser Session nicht nur an Weiberfastnacht gilt.

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