Neuss: Tagesmütter werden in der U-3-Betreuung immer wichtiger

Familienforum zertifiziert die 400. Tagesmutter : Stadt setzt bei U3-Betreuung verstärkt auf Tageseltern

Im Familienforum lassen sich jährlich rund 50 Menschen für den Beruf qualifizieren.

Jedes Jahr werden mehr Betreuungsplätze für Kinder im Alter unter drei Jahren benötigt. „Die Geburtenzahlen in Neuss steigen“, lässt Sozialdezernent Ralf Hörsken regelmäßig verlauten. Zwar ist nach Auskunft des Jugendamts noch nicht absehbar, ob im kommenden Kindergartenjahr U3-Kitaplätze fehlen; geplant sei trotzdem ein weiterer Ausbau. Dafür benötigen die Träger der Kitas im Neusser Stadtgebiet rund 90 zusätzliche Fachkräfte – angesichts des allgegenwärtigen Erzieherinnen-Mangels keine leichte Aufgabe.

Um einem Engpass vorzubeugen, stärkt die Stadt die Kindertagespflege als zweite Säule für die U3-Betreuung. Nach Schätzungen des Jugendamts wird rund ein Viertel der neu zu betreuenden unter Dreijährigen von Tageseltern betreut. Jetzt hat der Jugendhilfeausschuss ein von der Koalition aus CDU und Grünen vorgestelltes Existenzgründerprogramm genehmigt, das Tageseltern den Einstieg in den Beruf und die damit häufig verbundene Selbständigkeit erleichtern soll.

Angela Dittberner (M:) ist die 400. Tagesmutter, die im Familienforum zertifiziert wurde. Ihr gratulierten Ines von Plessen und Vera Wunsch (r.). Foto: Tinter, Anja (ati)

Stadt finanziert Tageseltern bis zu
30 betreuungsfreie Tage im Jahr

„Nur mit ihren Angeboten kann die Betreuung von Kindern in Neuss sichergestellt werden und die Stadt Neuss ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen. Daher wollen wir alles dafür tun, dass die Tätigkeit als Tagespflegeperson so attraktiv wie möglich ist“, erklärt Susanne Benary (Grüne), Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses.

Zudem hat der Ausschuss beschlossen, die Zahlungen an Tageseltern in Ausfallzeiten, sprich, bei Krankheit und während der Urlaubszeit, künftig weiterlaufen zu lassen. Damit werden ihnen im Kalenderjahr bis zu 30 betreuungsfreie Tage finanziert. „Die Stadt hat ein hohes Interesse mehr Tagespflegepersonen zu gewinnen und diese qualifizieren zu lassen“, sagt Hörsken. Jährlich brauche es 20 bis 25 neue Tagespflegepersonen, um diejenigen zu ersetzen, die ihre Tätigkeit beenden und die Betreuungsplätze in der Kindertagespflege weiter auszubauen. Speziell im Neusser Süden decke die Nachfrage aktuell nicht den Bedarf, sagt Ursula Neumann-Kolbe, eine von fünf Fachbereichsleiterinnen im Neusser Jugendamt für die Kindertagespflege. Sie begleitet unter anderem die Qualifikation der Tageseltern im Familienforum „Edith Stein“, das ein solches für Tageseltern verpflichtendes Curriculum des Deutschen Jugendinstituts als einzige Ausbildungsstätte im Rhein-Kreis anbietet.

Seit 2010 können sich angehende Tageseltern im Familienforum für diese Tätigkeit qualifizieren lassen. „Jährlich bilden wir rund 50 neue Tagespflegepersonen aus“, sagt Ausbildungskoordinatorin Vera Wunsch. Jetzt hat sie das 400. Tagesmutter-Zertifikat an Angela Dittberner übergeben. Die 30-jährige, selbst Mutter von drei Kindern, ist eine von zwölf Absolventinnen aus dem Rhein-Kreis, dem Kreis Viersen und der Stadt Düsseldorf, die die 160-stündige Qualifizierungsmaßnahme im Familienforum „Edith Stein“ gerade beendet haben. Die Schulung kostet aktuell rund 800 Euro – Kosten, die viele Kommunen den Tageseltern zurückerstatten, sagt Vera Wunsch.

Nach einem 30-stündigen Einführungskurs unter anderem zu rechtlichen und finanziellen Grundlagen gehe es in der berufsbegleitenden Vertiefung vor allem um die Erziehung, Entwicklung und Förderung von Kindern, erklärt Ausbilderin und Pikler-Pädagogin Heike Bucher.

Um Tagespflegepersonen noch besser für die Betreuung der ganz Kleinen zu qualifizieren, hat sich die Stadt auf Antrag der SPD um Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Pro Kindertagespflege“ beworben und im April dafür den Zuschlag erhalten. Das Programm beinhaltet eine 300-stündige Schulung von Tageseltern nach dem sogenannten Kompetenzorientierten Qualifizierungshandbuch (QHB). „Das Jugendamt hat uns signalisiert, dass wir diese neue Qualifizierung künftig anbieten sollen – wir stehen in den Startlöchern“, sagt Vera Wunsch.

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