Neuss: So arbeitet das Cannabis-Unternehmen „Tilray“

Anbau für medizinische Produkte : In Neuss wird Cannabis vertrieben – ganz legal

Das Unternehmen Tilray bedient den europäischen Markt für medizinisches Cannabis.

. Rastalocken, weite Kleidung, zwischen 25 und 35 Jahre alt und ein müder Blick – oft ist das das vorherrschende und stereotype Bild bei dem Gedanken an einen Cannabis-Konsumenten. All das trifft auf Sascha Mielcarek jedoch nicht zu.

Der 47-Jährige ist Geschäftsführer für den europäischen Markt beim Unternehmen „Tilray“, das Cannabis vertreibt. Mielcarek trägt einen grauen Anzug. Und wenn er von Cannabis spricht, dann in einem ernsten und sachlichen Ton. Auf dem europäischen Markt verkauft Tilray bisher ausschließlich medizinische Cannabis-Produkte. Diese werden vor allem bei chronischen Schmerzen eingesetzt – beispielsweise bei Nervenschmerzen, Tumoren oder Multiple Sklerose. Dabei können die Blüten entweder inhaliert, als Fertigarznei oder als Extrakt – also ölige Lösung – eingenommen werden.

Seit 2017 können Ärzte den Konsum auf Rezept verschreiben

Die Cannabis-Blüten werden gezüchtet. Foto: Tilray

In Deutschland ist Cannabis seit März 2017 zu medizinischen Zwecken zugelassen. Zuvor galt seit Dezember 1971 ein vollständiges Verbot, da Cannabis in das Betäubungsmittelgesetz aufgenommen wurde. „Inzwischen ist eine Schmerztherapie durch Cannabis für ein breites Patientenspektrum erstattungsfähig“, sagt Mielcarek. Doch nicht immer geben die Krankenkassen der Bitte statt: „Cannabis trägt immer noch ein Stigma mit sich. Ich würde mir mehr Offenheit wünschen, denn es ist beeindruckend, was dieses Naturprodukt alles leisten kann.“

Sascha Mielcarek: Geschäftsführer Europa. Foto: Tilray

Für den Standort in Neuss hat sich das Unternehmen aus mehreren Gründen entschieden. Zum einen würde das Produkt in Düsseldorf eingeführt, weshalb auch das Büro in der Nähe liegen müsste. Zudem biete die Region eine gute Infrastruktur, denn die Mitarbeiter aus ganz Europa hätten die Möglichkeit, sowohl den Flughafen in Düsseldorf als auch den in Köln zu nutzen. „Außerdem sind in der Region etliche pharmazeutische Unternehmen angesiedelt“, sagt Mielcarek. Insgesamt sollen künftig etwa 25 Mitarbeiter am Standort in Neuss arbeiten, so Mielcarek.

Die Präparate werden getestet. Fotos: Tilray. Foto: Tilray

Finanziell beginne eine Cannabis-Schmerztherapie bei monatlich 300 bis 500 Euro. Eine Investition für viele Krankenkassen, das weiß auch Mielcarek. Er argumentiert jedoch, dass medizinisches Cannabis im Vergleich zu vielen anderen schmerzlindernden Präparaten kaum Nebenwirkungen mit sich bringe. Ausschließlich „psychoaktive Rauschzustände“ seien möglich, sie ließen sich bei einer richtigen Einstellung regulieren. Er kritisiert, dass es sich in öffentlichen Debatten oft um eine „Scheindiskussion“ handele: „Maßgeblich geht es um Patienten aus der Palliativmedizin“, also jene, bei denen Beschwerden einer Krankheit gelindert, aber nicht (mehr) die Ursachen bekämpft werden können. „Ich empfinde es fast als unethisch, über das Nicht-Einsetzen von Cannabis bei diesen Patienten zu streiten“, sagt er. Am Ende ginge es doch darum, Menschen zu helfen, die an starken Schmerzen leiden.

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