1. NRW
  2. Rhein-Kreis Neuss
  3. Neuss

Neuss: Gaby Glassman erzählt die Geschichte ihrer jüdischen Familie

80 Jahre nach der Pogromnacht : Neusser gedenken jüdischer Opfer

Gaby Glassman-Simons erzählte vom Leben ihrer Großeltern, die 1943 getötet wurden.

Auf dem alten Bild, das der Beamer auf die Leinwand projiziert, ist die „Dampfmühle N. Simons“ gut zu erkennen. Die rund 100 Zuhörer im voll besetzten Vortragssaal des Stadtarchivs verstehen sofort: Heute geht es um ein Stück Neusser Geschichte, genauer gesagt, um die jüdische Unternehmerfamilie Simons, die ehemaligen Inhaber der Simons-Mühlen. Erzählt wird die Geschichte von Gaby Glassman-Simons, Enkelin von Paul Simons, dem letzten Inhaber der Ölmühle. Ihr Vortrag sei „eine Mahnung und Erinnerung, dass in Neuss während des Nazi-Regimes viele Juden misshandelt und verhaftet wurden“, sagte Stadtarchivleiter Jens Metzdorf bei der Vorstellung der Rednerin, die zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren von der Stadt eingeladen worden war.

„Ich bin dankbar, dass es mir möglich ist, über den Beitrag meiner Familie zum Leben in dieser Stadt zu erzählen und der ehemaligen Juden der Neusser Gemeinde zu gedenken“, sagte die in den Niederlanden geborene Engländerin, die in London lebt, in fließendem Deutsch.

Zu Beginn des Nazi-Regimes 1933 hatten sich 227 Personen in Neuss zum Judentum bekannt, darunter Gaby Glassmans Großeltern Paul und Ida Simons. Wie mindestens weitere 117 der damals in Neuss lebenden Juden haben die Simons den Holocaust nicht überlebt. Sie wurden 1943 im Vernichtungslager Sobibor in Polen umgebracht. Ihr 1904 in Neuss geborener Vater habe den Krieg überlebt, indem er zunächst nach Amsterdam und dann nach Frankreich geflohen sei, erzählte Glassman.

Das Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938 und der Vortrag seien „eine Erinnerung daran, dass das Geschehene einen Einfluss auf die Gegenwart hat, sowohl für die Opfer als auch deren Nachfahren“, sagte Metzdorf. Wie sehr die Nachfahren leiden, erfährt Psychotherapeutin Gaby Glassman täglich in Gesprächen mit Überlebenden und ihren Familien. „Häufig lernte die zweite Generation, außerhalb der Familie niemandem zu vertrauen, was ihre Beziehungen zu anderen beeinflusste und zu Angst vor Zurückweisung führte.“ Die Schrecken des Holocausts seien zwar vorbei, für Betroffene und Angehörige jedoch niemals zu vergessen.