Neuss: Europawahl umgerechnet auf Stadtrat - Schwarz-Grün ist die Groko

Kommunalwahl 2020 : Schwarz-Grün stärkt ihre Position

Rechnet man die Europawahl-Abstimmung auf die Sitzverteilung im Neusser Rat um, haben CDU und Grüne ihre Mehrheit ausgebaut.

Stolze 22,7 Prozent beflügeln. „Die wahre Große Koalition haben wir jetzt in Neuss“, jubelte Michael Klinkicht nach dem Erfolg seiner Grünen bei der Europawahl: „Die so genannte GroKo in Berlin ist nur noch micro.“ Was der grüne Fraktionschef im Rathaus siegestrunken in der Wahlnacht formulierte, war so falsch nicht. Die Ergebnisse von Union und ihrem Bündnispartner SPD addieren sich im Bund lediglich auf 49,6 Prozent, während CDU (30,9 Prozent) und Grüne (22,7) in Neuss ihre Mehrheit (53,6) spürbar ausbauten.

Zahlen, die auch Jörg Geerlings (CDU) beflügeln. „Die Grünen haben die SPD deutlich als zweitstärkste Kraft abgelöst“, sagt der Neusser Landtagsabgeordnete, „wir arbeiten intensiv daran, dass wir als CDU wieder den Bürgermeister stellen, damit der Verwaltungsstillstand an der Spitze überwunden wind.“ Die Kampfansage an Rathauschef Reiner Breuer gehört zum politischen Geschäftsgetöse, aber auch der, der sie überhört und sich um Daten und Fakten kümmert, kommt zu dem Schluss, dass sich auch in Neuss die politischen Kraftfelder verschieben. Dazu ein spannendes Gedankenspiel, das auf Zahlen beruht, die in der Neusser CDU-Geschäftsstelle errechnet wurden.

SPD war bei der Europawahl
nur die drittstärkste Partei

Wer die Europawahl-Voten eins zu eins auf die Kommunalwahl überträgt und daraus die Sitzverteilung für den Stadtrat 2020 hochrechnet, der kommt zu erstaunlichen Ergebnissen: CDU (25 Sitze) und Grüne (19) gewinnen 44 von 76 Sitzen und würden ihre 2014 begonnene Koalition mit stabler Mehrheit fortsetzen können. Die SPD fiele als drittstärkste Kraft auf nur noch 13 Sitze zurück. Zugegeben, ein fragiles Spiel mit Zahlen. Die Kommunalwahl ist eine Personenwahl und steht somit unter ganz anderen Vorzeichen als die Europawahl. Außerdem werden lokale Gruppierungen wie die UWG sicherlich um die Gunst der Bürger werden, die für „Europa“ gar nicht antraten. Und doch sind Ergebnisse der Europawahl als Basis für „Hochrechnungen“ ein realer Hinweis: Schwarz-Grün rechnet sich. Diese Erkenntnis ist in Neuss nicht neu. Früher als andere Parteien gingen die Christdemokraten im Schatten von St. Quirin auf die „Alternativen“ zu. Seit 2014 sind beide Parteien in einer Koalition verbunden – bisher ohne große Krisen. Auch wenn die Grünen politische Kröten schlucken mussten, sie setzten in fünf Jahren als Juniorpartner mehr durch als zuvor in 25 Oppositionsjahren. „Das stimmt“, sagt Michael Klinkicht. Er ist eine Eckstein der Koalition, weil seine Zusammenarbeit mit CDU-Fraktionschefin Helga koenemann (CDU) vertrauensvoll ist.

Grüner Umweltdezernent
mit Stimmen der CDU gewählt

Geerlings sieht sich als einer der Architekten des ersten schwarz-grünen Bündnisses in Neuss. Er führte die CDU 2014 als Parteivorsitzender in die Koalition – und kappte die Zusammenarbeit mit der FDP, die zuvor immer wieder kurz vor dem Zerreißen gestanden hatte. Geerlings und Koenemann vollendeten einen langen Weg des Werbens, den prominente CDU-Granden schon in den 1990er Jahre eingeschlagen hatten. Der erste war Herbert Napp. Der spätere Bürgermeister spürte schon als Fraktionschef Lust es einmal mit den Grünen zu versuchen. Später machte Heinz Günther Hüsch als Fraktionschef den Grünen im Rat ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Er bot ihnen eine Listenverbindung an, obwohl die CDU die absolute Mehrheit besaß. Die Grünen profitierten mit Vorsitz und Sitzen in Ausschüssen und Drittgremien. Schließlich war es Ratsherr Hermann-Josef Baaken, der als Pressesprecher laut darüber nachdachte, ob es nicht richtig sei, den Grünen das Vorschlagsrecht für einen Beigeordneten einzuräumen. Damals wurde Baaken für seine Idee noch verbal verprügelt, heute agiert mit Matthias Welpmann längst ein Grüner Umweltdezernent im Rathaus – gewählt mit den Stimmen der Neusser Christdemokraten.

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