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Lesung: Vision vom künstlichen Auge

Lesung: Vision vom künstlichen Auge

Autor Benjamin Stein las aus seinem unerwartet aktuellen Roman „Replay“.

Neuss. Auf Benjamin Stein, den Autor von „Replay“, musste man am Donnerstagabend in der Stadtbibliothek ein wenig warten. Eine Verspätung bei der Bahn war schuld. Die Zuhörer, die geduldig ausgeharrt hatten, wurden allerdings mit einem spannenden und hochaktuellen Vortrag im Rahmen des „Literarischen Sommers“ belohnt.

In „Replay“, 2012 erschienen, entwirft Stein eine Utopie der technologischen Möglichkeiten im digitalen Zeitalter, die gar nicht so weit von der Realität entfernt ist. Zum Inhalt: Der Computerexperte und Softwarespezialist Ed Rosen ist auf einem Auge sehbehindert. Als er einen neuen Job im kalifornischen Silicon Valley annimmt, wird ihm bald das verlockende Angebot gemacht, ein von der Firma entwickeltes Produkt zu testen, das nicht nur sein Leben, sondern die Welt verändern wird. Das „Unicom“ ist ein künstliches Auge, das Rosen nicht nur das dreidimensionale Sehen ermöglicht, sondern auch alles, was er sieht und hört, abspeichert.

In Rückblenden wird erzählt, wie das Gerät einen Siegeszug um die ganze Welt antritt und sich zum totalen Überwachungsinstrument entwickelt, dem sich nur eine Handvoll „Anonymer“, geführt von Julian Assange, verweigert. Ohne „Unicom“ ist keine Teilhabe an der Gesellschaft mehr möglich, ohne das Gerät ist man verdächtig.

Was im Erscheinungsjahr des Romans 2012 schon bedrohlich wenig utopisch erschien, ist spätestens seit den Enthüllungen über das Ausmaß der Bespitzelung durch die National Security Agency (NSA) erschreckend real. Stein hat dies kommen sehen und sagt: „Ich bin Berater für IT-Unternehmen. Ich weiß, welche Begehrlichkeiten der Staat hat.“ Auf die Frage aus dem Publikum, warum die deutsche Regierung denn nichts gegen die Überwachung durch die NSA unternehme, kontert Stein aufgebracht mit: „Ja, weil die Täter sind!“ Fassungslos registriere er, dass sich kein Widerstand in der Bevölkerung rege und dass vielen Menschen nicht bewusst sei, „dass sich die Bundesrepublik durch ein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschlossenes Abkommen an die USA verkauft hat“. Gemeint ist wohl das G-10-Gesetz von 1968, das den USA die Möglichkeit einräumt, Abhörergebnisse des Verfassungsschutzes oder des Bundesnachrichtendienstes zu nutzen.

Als Nagelprobe für das, was in Zukunft an technischer Überwachung möglich ist, ohne dass die Menschen aufbegehren, sieht Stein die Datenbrille „Google Glass“: „Ich hoffe doch sehr, dass die Menschen, die mitbekommen, dass sie oder ihre Kinder heimlich gefilmt werden, sich zu wehren beginnen. Ich freue mich schon jetzt auf die Prügeleien auf der Straße und den Spielplätzen.“