Kreisliga Neuss: Weitere Absagen nach Militär-Jubel in Erfttal möglich

Auseinandersetzung in Neuss : Spielabbruch nach Salut auf Fußballplatz

Zum Spiel zwischen einem kurdischen und einem türkischen Team in Erfttal, rückte eine Hundertschaft der Polizei an.

Einlass-Kontrollen, Zuschauer, die von einer Polizei-Hundertschaft getrennt werden müssen – Spielabbruch! Es waren Szenen, wie sie in einem Kreisligaspiel nur äußerst selten vorkommen. Doch in Anbetracht der Ereignisse, die sich am Donnerstagabend in Erfttal zugetragen haben, schrillen nicht nur beim Fußballverband Niederrhein die Alarmglocken.

Was war passiert? An der Parisstraße stehen sich in der Kreisliga C die türkisch geprägte SG Erfttal und das kurdisch geprägte Team Mesopotamia Grevenbroich gegenüber. 60 Minuten lang verläuft die Partie, die von zahlreichen Zuschauern verfolgt wird (die Polizei spricht von 300, aus Verbandskreisen heißt es 700), ruhig. Doch kurz nachdem das 3:0 für die SG Erfttal fällt, wird die Situation unübersichtlich. Nur wenige Sekunden später verlassen die Spieler von „Mesopotamia“ das Spielfeld, letztlich bricht der Schiedsrichter die Partie ab.

Wie die Polizei später mitteilte, soll mindestens ein Spieler der türkischen Mannschaft beim Jubel salutiert haben. Danach seien Menschen auf den Platz gelaufen. Die Beamten bildeten eine Polizeikette, um die Gruppen auf dem Spielfeld voneinander zu trennen. Hinweise auf Straftaten habe es jedoch nicht gegeben. Auf einem Video sind Polizeibeamte zu sehen, die auf dem Spielfeld stehen, im Hintergrund sind Sprechchöre der Anhänger zu hören. Von welchem Lager, ist nicht zu identifizieren.

Türkische Nationalspieler hatten in den vergangenen Tagen wiederholt beim Torjubel einen militärischen Gruß gezeigt. Ihr politisches Bekenntnis zum Militäreinsatz türkischer Streitkräfte in Nordsyrien zur Bekämpfung der Kurdenmiliz YPG wird international kritisiert. In unteren Spielklassen in Deutschland hatte es in den vergangenen Tagen bereits Nachahmer gegeben – nun auch in Neuss. Die Statuten des Deutschen Fußball-Bundes verbieten allerdings politische Bekundungen auf dem Platz.

Am Tag danach äußern sich beide Vereine zu dem Vorfall. Heinz Sahnen, Vorsitzender der SG Erfttal: „Viele Zuschauer sind von außerhalb gekommen. Die Polizei hat sich sehr professionell verhalten. Die Szene unmittelbar nach dem 3:0, die dazu geführt hat, dass die Gäste ihre Trikots ausgezogen haben, ist auch vom Schiedsrichter gesehen und im Spielbericht vermerkt worden. Für Anfang nächster Woche haben wir unsere beiden Mannschaften zu einer Besprechung eingeladen. Wir dulden solche Vorfälle in keinem Fall.“

Cetin Akcakaya, Spielertrainer und Erster Vorsitzender vom KSV Mesopotamia Grevenbroich: „Von Anfang an gab es provozierende Sprechchöre und Beleidigungen.“ Bereits vor dem Anstoß seien er und seine Spieler im Internet massiv bedroht worden. Schon das 1:0 habe der Torschütze mit dem militärischen Gruß gefeiert. „Als er das auch beim 3:0 gemacht hat, war für uns eine Grenze überschritten. Da war endgültig klar, dass dies nichts mehr mit Sport zu tun hatte, sondern, dass die Plattform für andere Dinge genutzt werden sollte“, sagt Akcakaya. Wie das Spiel jetzt gewertet wird, sei ihm „völlig egal“.

Aber hätte die Partie überhaupt angepfiffen werden dürfen? Nach Angaben von Reinhold Dohmen, Vorsitzender des Kreisfußballausschusses und zuständiger Staffelleiter, sei im Vorfeld keine Gefährdungslage erkennbar gewesen, die eine Absage des Spiels notwendig gemacht hätte. „Beim Hinspiel ist ja auch nichts passiert“, sagt er. Das bestätigt auch Henrik Lerch, Sprecher des Fußballverbands Niederrhein. Aufgrund des Vorfalls in Erfttal – dem ersten dieser Art in den insgesamt 13 Fußballkreisen, wie Lerch betont, – müsse man die Lage jetzt allerdings neu bewerten. Darum suche man das Gespräch mit den jeweiligen Staffelleitern. Zudem werde man den Spielplan genau analysieren, um herauszufinden, ob es Spielansetzungen gibt, die ähnliches Konfliktpotenzial bergen. Auch Spiel-Absagen seien nicht ausgeschlossen. Der Sonderbericht des Schiedsrichters werde nun zunächst dem Kreissportgericht und dann dem Verbandssportgericht vorgelegt.

Wie Polizeisprecherin Diane Drawe mitteilt, stehe man in engem Austausch mit dem Verband, auch bezüglich kommender Spielansetzungen. „Wir gehen sehr sensibel mit diesem Konflikt um“, betont Drawe.

Hinweise auf mögliche Auseinandersetzungen habe es im Vorfeld der Partie in Erfttal gleich mehrfach gegeben, so Drawe weiter.

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