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Kein Schützenfest in der Krise

Kein Schützenfest in der Krise

Vor 80 Jahren ließ das Komitee unter dem Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse das Schützenfest ausfallen.

Neuss. Es war vor 80 Jahren, als aus den „Tagen der Wonne“ die „Tage des Trübsals“ wurden. Das hatte viele Gründe, die ganz Deutschland betrafen. In Neuss kam ein weiterer spezieller Grund hinzu. Das Schützenfest wurde abgesagt.

Die Weltwirtschaftskrise hatte auch Neuss fest gepackt. Die Arbeitslosenzahl war seit dem Sommer 1930 in die Höhe geschnellt, zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen gingen in Konkurs, die Inflation stieß in immer neue Dimensionen vor. Schon im Jahr zuvor hatte das Komitee die Feierlichkeiten aus wirtschaftlichen Gründen um einen Tag verkürzt. Besser war die Lage 1931 nicht geworden, im Gegenteil.

Noch am 2. Juli versuchte das Komitee, das Schützenfest zu retten, „um die alten Traditionen nicht abreißen zu lassen“. Ein vereinfachtes Programm war geplant, Oberst- und Königsehrenabend sollten zusammengelegt werden, Arbeitslose Vergünstigungen erhalten, das Königsehrenmahl wurde gestrichen.

Im Protokoll vom 2. Juli 1931 heißt es: „Daraufhin führte der Herr Oberbürgermeister aus, dass die Stadtverwaltung vorschlage, trotz der allgemeinen schlechten Wirtschaftslage das Fest zu feiern, um der Wirtschaft in Neuss, die dieser bei dem Neusser Schützenfest jedes Jahr zufließenden Einnahmen nicht zu entziehen.“

Doch weder die „alten Traditionen“ noch die Bedürfnisse der Wirtschaft halfen als Argumente angesichts der sich dramatisch verschlechternden Umstände. Als Sparkasse und Banken eine Auszahlungssperre erließen, als kein Kirmesgeld abzuholen war, kam die Absage. Ein Bier übrigens hätte zu diesem Zeitpunkt 5 Millionen Mark gekostet. In dürren Worten hieß es in den Zeitungsanzeigen vom 25. Juli: „Infolge der inzwischen eingetretenen wesentlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage hat das Komitee einstimmig beschlossen in diesem Jahre von der Feier des Schützenfestes abzusehen.“

Der Neusser Chronist Joseph Lange beschreibt in seinem Werk „Bürger und Bürgersöhne“ die Stimmung des letzten August-Wochenendes: Es herrschte bestes Kirmeswetter, die Fahnen hingen an den Häuser, doch gab es nach dem Festhochamt lediglich ein Ersatzkonzert, ein wenig Kirmestreiben, daneben aber eine gähnend leere Schützenwiese. „Die meisten Schützen“, so Lange weiter, „saßen mißmutig in den Gaststätten herum.“

Ein trauernder Schütze bemühte den Zweckoptimismus. Er dichtete im August 1931: „Man wird in diesem Jahre keine flotten Märsche blasen;/ Wir brauchen dieses Jahr nicht auf den Markt zu geh’n./ Doch drückt uns dieser Schmerz nicht nieder;/ Wir wissen ja: was gut ist, das kommt wieder.“