Im Büdchen steckt viel harte Arbeit

Im Büdchen steckt viel harte Arbeit

Die Neusser lieben die kleinen Läden um die Ecke. Doch für die Betreiber bedeuten sie eine Menge Aufwand und wenig Freizeit.

Neuss. Benjamin Richter hatte in den vergangenen elf Jahren nur sehr wenig Freizeit. Der Noch-Betreiber von „Benny’s Kiosk“ an der Bergheimer Straße spricht von durchschnittlich 350 Arbeitsstunden im Monat. Er sei eben ein Workaholic, sagt der 37-Jährige: „Außerdem bin ich Fremdpersonal gegenüber etwas misstrauisch.“ Sprich: Er verlässt sich so gut wie ausschließlich auf sich selbst und die Familie.

Doch damit soll nun bald Schluss sein. „Ich bin gerade dabei, den Laden zu verkaufen“, sagt Richter: „Kaufinteresse ist vorhanden.“ Wirtschaftliche Gründe spielten bei seiner Entscheidung keine Rolle, betont er: „Das Büdchen läuft Bombe.“ Sogar die Baustelle vor seiner Haustür habe seine Existenz nicht bedroht. Doch er möchte wieder „mehr Lebensqualität haben“.

Die Rheinländer lieben ihre Büdchen, da sind die Neusser keine Ausnahme. Generationen von ihnen haben sich schon als Kinder „an der Ecke“ eine Tüte Süßes und Saures für kleines Geld besorgt oder im Sommer Wassereis im Plastikstreifen genossen. Noch immer gibt es im Stadtgebiet zahlreiche Standorte, aber auch Schließungen fallen auf, etwa an der Weckhovener Straße oder an der Fesserstraße.

Benny Richter meint, dass das auch etwas mit den geänderten Öffnungszeiten der Supermärkte zu tun habe. Denn früher waren die Kioske zu später Stunde fast konkurrenzlos. „Man muss heute mehr anbieten, um die Kunden anzulocken“, sagt Richter.

Diese Meinung vertritt auch Anna Müller, die die „Kleine Pause“ in Gnadental leitet. Nach Jahren des Leerstands gibt es seit dem vergangenen Sommer an dem traditionsreichen Standort Ecke Kölner Straße / Grimlinghauserbrücke wieder ein Büdchen. Die „Kleine Pause“ verfügt über Sitzplätze und Toiletten. Zu besonderen Angeboten gehören unter anderem Suppe und Glühwein im Advent. Brötchen mache man inzwischen selbst.

Die Immobilie an der Kölner Straße ist gemietet, Anna Müller führt die Geschäfte für den Café-Kiosk-Inhaber. Unterstützung bekommt sie von weiteren Mitarbeiterinnen. „Das Personal muss stimmen“, sagt sie bestimmt. Nach einem halben Jahr vor Ort zieht die junge Frau ein positives Fazit: „Wir haben gut zu tun und viele Stammkunden.“

Auch Benjamin Richter war vor seiner aktiven Büdchen-Zeit ein typischer Stammkunde. Der gelernte Landschaftsbauer hatte seine Wohnung gegenüber seinem späteren Laden. „Es war meine Frühstückskaffee-Bude“, erzählt er. Als diese nicht mehr so gut gelaufen sei, habe er seine Chance genutzt. Mit einem Förderdarlehen machte er sich selbstständig. Seitdem sei das Büdchen an 365 Tagen im Jahr von 6 bis 22 Uhr geöffnet gewesen. „Am 25. Dezember 2017 hatten wir zum ersten Mal seit elf Jahren geschlossen“, sagt Richter.

Nach Angaben der Stadt könne von einem Büdchen-Sterben in Neuss derzeit keine Rede sein. Die Gewerbemeldestelle habe in 2016 und 2017 insgesamt 40 Abmeldungen und 36 Anmeldungen verzeichnet, erklärt ein Sprecher. Dies sei eine „normale Fluktuation“. Wirtschaftsförderer Andreas Galland beobachtet jedoch einen Städte übergeifenden Trend zur Büdchen-Schließung: „Es ist eben ein harter Job.“

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