Glasbläser Verhees auf der Neusser Furth liefert für Laboratorien.

Werkstatt Verhees in Neuss: Ein Glasbläser gibt sein Wissen weiter

Vor einigen Jahren hat Martin Jakob die Werkstatt von Dieter Verhees übernommen.

Der Begriff hat etwas Märchenhaftes, lässt an Geschichten von Michael Ende oder Joanne K. Rowling denken: Glasapparatebauer. Bilder eines uralten Männleins tauchen vor dem geistigen Auge auf. Eines fingerfertigen Wesens, das aus dem durchsichtigen Material die komplexesten Maschinen zusammenbastelt. Doch spätestens der neugierige Blick ins Internet macht alle Fantasie zunichte, handelt es sich doch um einen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf nach Berufsbildungsgesetz, und Handwerksordnung (HwO). So spröde kann die Realität sein. Ein bisschen Geheimnis bleibt allerdings, denn sehr häufig sind die Erben der früheren Glasbläser nicht mehr anzutreffen.

Ein Vertreter dieser besonderen Zunft ist Martin Jakob. Der Dormagener führt seit einigen Jahren die Glastechnische Werkstatt Verhees an der Bockholtstraße 10 im Neusser Norden. Übernommen hat der heute 48-Jährige den Betrieb von seinem Kollegen Dieter Verhees. Der Jüchener, Obermeister seiner Innung und nach eigenen Angaben einer von noch etwa 500 Glasbläsern bundesweit, steht auch im Alter von 72 Jahren seinem Nachfolger noch immer mit Rat und Tat zur Verfügung. „So ein Fachwissen darf man nicht ungenutzt lassen“, betont Martin Jakob.

Ein Vierteljahrhundert war der heutige Unternehmer bei einem Konzern tätig, bei dem er auch gelernt hat. Früher, so erzählt er, hätte es an allen großen Chemie-Standorten Glasbläsereien gegeben. Denn, so das Motto der Innung, „ohne Glas wäre die Chemie blind“. Doch diese Zeiten sind seiner Aussage nach vorbei. Martin Jakob entschloss sich, das Nachfolge-Angebot von Dieter Verhees anzunehmen. Seit 2015 ist er sein eigener Herr, beschäftigt vier Mitarbeiter.

An Aufträgen mangelt es der Werkstatt nicht, aber an Personal

Jeder von ihnen bringe spezielle Kenntnisse und Talent mit. „Diese spiegeln sich in unseren Produkten wider“, wirbt die Firma. Fachkräfte werden gesucht: „Wir sind ein kleines Unternehmen mit mehr als genug Arbeit“, sagt Jakob. Ausbilden könne er aber nicht. „Dafür fehlen uns Größe und Zeit.“ Und bis man das Handwerk beherrsche, könnten ohnehin bis zu zehn Jahre vergehen.

Die Glastechnische Werkstatt ist bekannt für ihre Sonderanfertigungen, bestimmt für Anwendungen, bei denen „Standard“ nicht passt. In Chemie-, Medizin- oder Pharma-Laboren kommen die Produkte zum Einsatz. Zu den Käufern zählen unter anderem Brauereien und Tiefkühlfirmen. „Auch die machen ja Versuche“, so Jakob. Sogar eine „Schweizer Doping-Jägerin“ hat schon in Neuss angeklopft.

Serienartikel gibt es durchaus. Ihre Palette umfasst unter anderem Destillationsbauteile wie Kühler-Kolonnen, Volumenmessgeräte, zu denen Messkolben, -zylinder und -pipetten gehören, und alle möglichen Kolben wie die berühmte Erlenmeyer-Variante mit ihrem charakteristischen, geraden Hals – der Chemielehrer lässt grüßen.

Die Flamme, das flüssige Glas, das Drehen mit der Hand oder an der Drehbank, die mundgeblasenen Endprodukte – es ist ein Handwerk, das noch immer viel Romantik versprüht. Nicht zuletzt deshalb, weil es ohne Glasbläser keine Christbaumkugeln gäbe. „Die können wir auch“, sagt Martin Jakob: „Aber das würde sich für uns nicht lohnen.“

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