Einkaufen wie vor 600 Jahren

Auf dem Freithof fand wieder der Mittelaltermarkt statt.

Neuss. Tobias Molz fertigt Schilde aus Lindenholzplatten und Rinderhaut — wie im Mittelalter. Der Tischler hat sich vor zehn Jahren aufs Schildmachen spezialisiert und ist zum ersten Mal beim Neusser Mittelaltermarkt dabei. „Sonst bin ich in ganz Deutschland und auch Skandinavien unterwegs“, sagte der Leverkusener.

Die Kulisse für den Mittelaltermarkt, der in diesem Jahr auf dem Freithof, dem Markt und dem neu angelegten Bereich hinter dem Pfarrhaus stattfand, gefiel ihm gut. Das regnerische Wetter am Samstag weniger. Es sorgte bei vielen Händlern dafür, dass die Kassen nicht klingelten und die Kluft klamm war.

Gestern waren die Hütten und Zelte jedoch gut besucht. Der Platz um die kleine Bühne, auf der Musik, Tanz und Gaukelei stattfand, zog viele Besucher an. Besonders Gaukler Forzarello begeisterte die kleinen und großen Zuschauer. Unter ihnen befand sich „Jungfrau Kerstin“, die er auf die Bühne bat und dann zeigte, wie man im Mittelalter den Leuten das Rauchen abgewöhnte. Mit Zigarette im Mund musste sie eine Schnute machen und still stehenbleiben. Die zwei Gaukler jonglierten sechs Kegel hin und her — mit Jungfrau Kerstin in der Mitte — und zwar so lange, bis sie haarscharf an der Nase vorbei die Zigarette trafen, die dann aus dem Mund fiel.

Rundum gab es viel zu entdecken: Riesige Blasebalge zum Schmieden von Eisen oder Brennen von Lehmziegeln, die Zukunft bei der Wahrsagerin oder den Uhu Einstein, mit dem man sich für fünf Taler ablichten lassen konnte. Für Speis und Trank war in Form von Gebratenem vom Federvieh, Hagebuttenketchup oder Met gesorgt. So ähnlich könnte ein Markt vor 600 Jahren tatsächlich ausgesehen haben.

Auch dem elfjährigen Peter Huth, der den Mittelaltermarkt mit seinen Eltern besuchte, gefiel es gut: „Mir macht der Markt viel Spaß. Ich wusste bei vielen Sachen gar nicht, dass es sie im Mittelalter schon gab, wie die Gewänder“, sagte er.

Was auch viele Erwachsene nicht kennen würden, sei die Wirkung von Kräutern und Pflanzen aus der Natur, berichtete Klaudia Wiegner. Sie verkaufte auf dem Mittelaltermarkt historische Salben, Öle und Balsame. „Häufig fragen die Leute mich, ob meine Seifen neu seien, dabei gibt es diese schon seit vielen hundert Jahren. Wie zum Beispiel mit Engelwurz, das schon immer bei Erkältungen angewendet wird“, sagte die Salbenkocherin. Ihr Zelt war mit getrockneten Blumen und Kräutern dekoriert.

Hinter ihr hing eine historische Fahne, die das erste Abbild eines Salbenkochers aus dem Jahr 1580 zeigt. „Zwei Tage wurden die Salben gekocht. Und das mache ich noch heute so mit den Pflanzen, die alle aus meinem Garten kommen“, meinte sie. Wiegner ist schon seit vielen Jahren auf dem Neusser Mittelaltermarkt, aber erstmals hätten nachts betrunkene Randalierer in Lederhosen und Dirndl ihr Unwesen getrieben. „Das habe ich noch nie erlebt“, erzählte sie, die wie viele andere Händler in ihrem Zelt schlief.