Die Tanzwochen beginnen kraftvoll

Die Tanzwochen beginnen kraftvoll

Das Aterballetto aus Italien eröffnete mit zwei gelungenen Choreographien die neue Saison.

Neuss. Wer draußen vor der Tür stand, wird seinen Ohren nicht getraut haben. Tom Waits in der Stadthalle Neuss? Das ist doch diese unverkennbare Stimme? Und seine Songs „Make it Rain“ und vor allem „The Piano has been drinking“? Stimmt. Und es war auch Tom Waits, der da sang. Aber er war nicht da. Zumindest nicht wirklich, sondern nur in der Vorstellung —realbildlich überlagert von neun Frauen und Männern, die zu Tom Waits’ Songs tanzten, wie man es nie für möglich gehalten hätte.

„Rain Dogs“ ist der Titel der Choreographie von Johan Inger, die er für das Aterballetto aus Italien geschrieben hat. Und der Titel ist Hommage und Programm zugleich. Denn genauso heißt auch eines der größten Alben von Tom Waits. Und Inger gelang es auf verblüffende Weise, die von Waits besungenen Verlierer des Lebens, die Hoffenden, die Resignierenden, die Verzweifelten, die Liebenden, die Gleichgültigen in Bewegung umzusetzen.

So dräuend und ruppig wie Waits’ Stimme, so leicht und schwebend wie zartes Gefühl, so erdenschwer und himmelhochjauchzend wie der ganze Mensch setzten die hervorragenden Tänzer die Musik in die von Inger geschaffenen Szenen um, dass Waits’ Musik vermutlich auf immer mit diesen Bildern im Kopf verknüpft bleibt. Ganz gewiss nicht das schlechteste Ergebnis für einen Choreographen, der immer einen Spagat zwischen den eigenständigen Elementen Musik und Tanz bewältigen muss.

Dass die Kompanie Aterballetto für Waits und Inger ebenso geschaffen ist wie für die Elektroklänge eines Nils Frahm und die dynamisch-fließende Choreographie eines Giuseppe Spota hatte sie im ersten Teil des Eröffnungsabends der neuen Tanzwochen-Saison gezeigt. Der Italiener hat für „Lego“ eine Klangcollage aus verschiedenen Kompositionen geschaffen (von Ezio Bosso, A Filetta, Jóhann Jóhannsson, Ólafur Arnalds, Frahm) und in beeindruckend energievolle Bewegung umgesetzt. Alles wirkt wie im Fluss — ohne Brüche setzte sich die Bewegung eines Armes in Kopf und Körper, in Bein und Fuß fort. Als ob die Tänzer keine Knochen haben, sondern nur aus einer fließenden Masse bestehen.

„Lego“ — wer denkt da nicht an die Bausteine, aus denen man ganze Phantasiestädte und -landschaften gestalten kann. „Lego“ aber ist auch italienisch und heißt sowohl „ich verbinde“ wie auch „ich hinterlasse“. In einer kongenialen Verbindung mit den Videoprojektionen des „OOOPStudios“ zeigte Spota eine Arbeit, wie Menschen ihren Weg suchen, sich aus Bausteinen des Lebens etwas Eigenes erschaffen, es wieder verlieren, aufgeben, neu suchen. Klingt nach Vergeblichkeit? Nein, nur nach den unzähligen Möglichkeiten, die jeder für sein eigenes Leben hat.

Beide Arbeiten, „Rain Dogs“ wie auch „Lego“, sind wunderbare Beispiele dafür, wie sinnlich und ausdrucksstark sich die ganze Kraft des Lebens in tänzerischen Elementen spiegeln kann.

Mehr von Westdeutsche Zeitung