Die jüdische Gemeinde in Neuss hat mit dem Bau der ersten Synagoge nach 1938 begonnen

Jüdische Gemeinde bekommt ein religiöses Zentrum : Neuss bekommt neue Synagoge

Rund 82 Jahre nach der Pogromnacht sollen im Herbst 2020 in Neuss wieder Gottesdienste in einer Synagoge gefeiert werden.

Bei der Brandschatzung der Synagoge an der Promenadenstraße im November 1938 konnten nicht viele Sakralgegenstände gerettet werden. Erhalten blieb jedoch ein Toramantel, der bis heute im Magazin des Clemens-Sels-Museums gehütet wird. Im Herbst kommenden Jahres, wenn in der Stadt zum ersten Mal seit jener Pogromnacht wieder Gottesdienst in einer Neusser Synagoge gefeiert werden kann, soll er der jüdischen Gemeinde zurückgegeben werden.

Für Bert Römgens, den Koordinator der jüdischen Gemeinde Düsseldorf in Neuss, ist diese Rückgabe eine starke Geste und die Zusage der Stadtverwaltung Ausdruck einer großen Bereitschaft, dem jüdischen Glauben in Neuss wieder eine Heimat geben zu wollen. Die Grundlage dafür wurde im vergangenen Jahr vollendet, als Stadt und Gemeinde einen – mit überwältigender Mehrheit vom Rat unterstützen – Kooperationsvertrag schlossen. Damit vereinbarten beide Seiten vor allem, das 2008 in einem Kindergarten an der Leostraße etablierte Gemeindezentrum in eine Synagoge umzuwandeln.

Bert Römgens freut sich, dass die Pläne für die neue Synagoge nun umgesetzt werden. Die sechs Fenster zur Süd- und  zur Nordseite symbolisieren die zwölf Stämme Israels. Ein Davidstern ziert die Fassade des Gemeindezentrums. Foto: Andreas Woitschützke

Damit wird jetzt begonnen. Der Vertrag mit dem Bauunternehmer wurde vergangene Woche unterzeichnet, sagt Römgens, der Bauantrag ist gestellt und die Erschließung der Baustelle vom Weissenberger Weg aus vorbereitet. Bevor all das veranlasst werden konnte, wurden im März die Sicherheitseinrichtungen ertüchtigt und ausgebaut. Leider, sagt Römgens, ist das auch im Jahr 2019 noch nötig und sogar eine behördliche Auflage. „Wir kämen lieber ohne Sicherheitsvorkehrungen aus“, sagt er. Denn das hieße, dass es keine Bedrohung gibt. So aber musste sogar lange diskutiert werden, ob in das Mauerwerk der Südfassade ein Davidstern integriert werden soll, um die Besonderheit des Ortes zu kennzeichnen. „Brauchen wir das?“, fragt Römgens. Die Antwort war und ist: Ja.

Auch zehn Jahre nach der Etablierung des Gemeindezentrums, das nach dem inzwischen verstorbenen Mitinitiator Alexander Bederov benannt ist, kann der Ort jüdischen Gemeindelebens seinen Ursprung als Kindergarten nicht leugnen. Nach dem Umbau wird das anders sein. Dafür sorgt der Gemeindesaal mit angrenzenden Schulungs- und Versammlungsräumen auf der profanen Seite der Synagoge, der die alten Grundrisse verschieben wird. Dafür sorgt aber vor allem die Synagoge selbst, die zwischen Gemeindessaal und Verwaltungsräumen entsteht. Ihre eliptische Form sei auch eine Reminiszenz an das Gotteshaus der Düsseldorfer Muttergemeinde, sagt Römgens.

Gestaltet wird sie so, dass dort auch orthodoxe Juden Gottesdienst feiern können. Vor Kopf und auf den Tempelberg in Jerusalem ausgerichtet: der Toraschrein (Aron ha-Kodesh), das Herzstück des Raumes. Er steht erhöht auf einer Bühne, was seine Heiligkeit unterstreichen soll, sagt Römgens. Fast schon mittig im Gebetsraum: die Bima, auf der die Schrift zur Toralesung ausgebreitet wird. Aus ihr mit Hilfe eines Torazeigers zu lesen, sei nicht nur Priestern vorbehalten, sagt Römgens.

Die Synagoge soll auch sein, was ihr Vorgängerbau schon immer war: Gemeindezentrum. Aber nur die Erweiterung zur Synagoge macht dort Gottesdienste möglich. Denn, so Römgens, „dann haben wir hier dauerhaft die Spiritualität der Tora.“

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