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Corona in Neuss: Paket-Boom treibt Logistikbranche an und schafft Jobs

Neuss : Coronavirus sorgt für Paket-Boom

Die DHL-Zustellstation im Taubental hat die Zahl ihrer Mitarbeiter seit Beginn der Corona-Pandemie um fast 30 Prozent aufgestockt. Weitere Einstellungen sind geplant. Viele Bewerbungen kommen aus der Gastronomie.

Das DHL-Paketzentrum im Taubental ist auf Wachstumskurs – und die Corona-Pandemie beschleunigt dies. Das Lieferaufkommen hatte sich insbesondere in der Zeit des harten Lockdowns von im Schnitt täglich 7000 bis 8000 auf 15 000 Pakete verdoppelt. Ganz so hoch sind die Zahlen derzeit zwar nicht mehr, aber dennoch liegt man immer noch über dem Weihnachtsniveau – und das ist normalerweise die Zeit, in der die Lieferwagenfahrer in ihren gelben Wagen besonders viel zu tun haben. Akyildiz Abdullah, Leiter der DHL-Zustellbasis im Taubental, hat daher in den vergangenen Monaten immer wieder neue Mitarbeiter begrüßt. „Wir haben von 80 auf derzeit 104 Mitarbeiter aufgestockt“, sagt er. Und weitere sollen hinzukommen. 16 bis 17 zusätzliche Mitarbeiter sollen aktuell eingestellt werden.

Nikolai Varianov transportiert
bis zu 180 Pakete im Wagen

Einer, der vor vier Monaten bei DHL angeheuert hat, ist Nikolai Varianov (36). Neusser Eishockeyfans ist er auch als Spieler des Neusser EV bekannt, zudem trainiert er ein Nachwuchsteam. Varianov ist froh, in der schwierigen Corona-Zeit den Job als DHL-Fahrer gefunden zu haben. Etwa acht Stunden ist er für eine Tour unterwegs. „Im Schnitt habe ich zwischen 150 und 180 Pakete im Wagen“, sagt er.

Der gebürtige Moskauer hat in den vergangenen vier Monaten gesehen, wie Corona sich auf die Logistikbranche ausgewirkt hat. „Das ist im Grunde immer mehr geworden“, sagt Varianov. Mehr Pakete, mehr Kollegen. Der Job beim Logistiker ist für viele, die wegen der Corona-Pandemie andernorts in Kurzarbeit geschickt oder gar gekündigt wurden, eine ­Chance.

Köche, Kellner, Servicekräfte – unter anderem von Menschen, die zuvor in der Gastronomie gearbeitet haben, gehen viele Bewerbungen ein, erklärt Unternehmenssprecherin Britta Töllner. Sie kommen damit aus einer Branche, die Corona besonders hart erwischt hat.

Zahlen für den Rhein-Kreis Neuss, wie viele Arbeitsplätze in der Gastronomie den Folgen der Corona-Pandemie bislang zum Opfer fielen, gibt es beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Nordrhein-Westfalen zwar nicht. Auch bei der Agentur für Arbeit ergibt sich ein eher verzerrtes Bild, da insbesondere viele geringfügig Beschäftigte sich dort gar nicht als arbeitssuchend melden, sondern auf eigene Faust einen neuen Job suchen – und nicht zwingend in den Statistiken auftauchen. Aber die Corona-Krise setzt Hoteliers und Gastwirten weiter massiv zu, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Demnach lag der Umsatz im Mai um 64 Prozent unter den Zahlen des Vorjahres. Zur Zeit des Lockdowns im März und April war der Einbruch noch dramatischer, trotz zwischenzeitlich in zahlreichen Betrieben eingeführter Angebote wie Abholmöglichkeiten und Lieferservices, um finanzielle Ausfälle abzufedern. Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges: „Die fehlenden Umsätze bedrohen die Existenz von zigtausenden Betrieben und Arbeitsplätzen.“

Der sorgenvolle Blick geht schon in den Herbst auf das Ende der Außengastronomie-Saison. Denn das bedeutet: Für viele Betriebe bricht ein Umsatztreiber weg. Wie das „Geschäft nur drinnen“ angesichts Corona läuft, ist eine große Unbekannte. Thorsten Hellwig, Sprecher des Dehoga NRW, betont: „Über der Branche kreist das Damoklesschwert des schlechten Wetters.“