Café Seitenweise ist geschlossen — Betreiberin prangert Kunden an

Café Seitenweise ist geschlossen — Betreiberin prangert Kunden an

Ayten Sahintürk hatte das Café vor einem dreiviertel Jahr übernommen. Für sie ist der Grund des Misserfolgs klar: „Weil ich ein Kopftuch trage“.

Dormagen. Nach nur einem Dreivierteljahr hat Ayten Sahintürk das Handtuch geworfen: Zu wenige Kunden, zu wenig Umsatz: Das Café Seitenweise ist dicht. Im August vergangenen Jahres war sie mit ihrer Zwillingsschwester Nurten Kayaalti hoffnungsvoll gestartet und wollte in die Fußstapfen von Stephan Thönnißen treten, der lange Jahre dieses besondere (Literatur-)Café geführt hatte.

Die 46-Jährige glaubt zu wissen, warum es zu dem geschäftlichen Misserfolg gekommen ist: „Weil ich ein Kopftuch trage“, sagt sie, „das ist der Hauptgrund“.

Ein heikles Thema und eine Annahme, die Ayten Sahintürk, die seit 40 Jahren in Dormagen lebt, nicht handfest belegen kann, aber dafür Indizien nennt: „Kunden, darunter auch ehemalige Stammkunden des Cafés, kamen rein, sahen mich an und verließen wieder den Laden.“ Auch sei eine Kollegin, die bediente und kein Kopftuch trug, von Gästen gezielt angesprochen und sie selbst nicht beachtet worden, sagt Sahintürk. „Dass mir das in Dormagen passieren kann, hätte ich niemals gedacht. Natürlich sind nicht alle so. . .“, fügt sie hinzu. Aber unter dem Strich seien in den vergangenen Monaten zu wenige Kunden gekommen, um Kaffee, türkischen Tee und türkische Spezialitäten zu genießen. „Auch die Öffnung des Restaurants Meva haben wir gespürt. Dabei haben wir uns so viel Mühe gegeben.“

Mehmet Güneysu, Vorsitzender des Integrationsrates, ist überrascht. „Wenn das so von der Pächterin empfunden worden ist, wird wahrscheinlich etwas dran sein“, sagt er: „Das Lokal ist offenbar nicht von der deutschen Bevölkerung angenommen worden.“

Sein Appell lautet, Integration nicht als Einbahnstraße zu sehen: „Kopftuch-Trägerinen sollten nicht als fremd oder als Bedrohung angesehen werden.“ Es gehe um Toleranz und Akzeptanz und um das gegenseitige Verständnis von Kulturen. „Wenn man keinen richtigen Kontakt zueinander hat, entstehen schnell Vorurteile“, sagt Güneysu.

Der Mietvertrag von Sahintürk läuft noch bis Februar. Sie sucht einen Nachmieter, das gleiche tut der Vermieter, David Fernandez aus Köln. Der sagt: „Es gibt eine hohe Nachfrage. Es kommt darauf an, ob der Nachmieter mit der Abstandszahlung für das Inventar einverstanden ist.“ Er glaubt, dass es ein Fehler war, das Konzept weiterzufahren, ohne Veränderungen vorzunehmen außer bei den Speisen. Als Nachfolger würde ein Fachgeschäft gut passen, zum Beispiel Feinkost. Aber auch ein Café. Ausgeschlossen seien ein Bäcker, eine Shisha-Bar oder ein Kulturverein, so Fernandez.

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