Therapeuten ziehen an einem Strang

Therapeuten ziehen an einem Strang

Ärztlicher Direktor wirbt für die konsequente Förderung der Frührehabilitation.

Osterath. Der Begriff löst bei ihm Unbehagen aus: Kurklinik. Deren Zeit ist in den Augen von Stefan Knecht, dem Ärztlichen Direktor der St.-Mauritius-Therapieklinik in Osterath, endgültig vorbei. „Und das ist auch gut so.“ Wer mobil sei und abends ins Wirtshaus gehen könne, der könne auch eine ambulante Reha machen. „Für alles andere fehlt das Geld.“

Mit Jahresbeginn hat Knecht, Chefarzt der Klinik für Neurologie, auch die Funktion als Ärztlicher Direktor übernommen. Knecht versteht seine Aufgabe nicht nur in der Osterather Rehaklinik als Schnittstelle zwischen Forschung, Reha, Patienten und Ärzten.

Dafür engagiert er sich auch auf Landesebene: Im Frühsommer 2012 ist er Mitbegründer einer Landesarbeitsgruppe Frühreha. Sie ist ein politisches Gremium. „Das Land sieht das Problem gar nicht“, sagt Knecht. „NRW ist das absolute Schlusslicht, ein Unterentwickungsland in Bezug auf die Frühreha.“

Knecht sieht das Problem umso klarer: Ähnlich dem streng strukturierten Ablauf bei einem Schlaganfall sei ein normiertes Verfahren auch für die Frühreha notwendig. Denn — Beispiel Schlaganfall — viele Patienten bedürften nach der Freilegung der Blutbahnen im Akutkrankenhaus intensiver Pflege. Rehabilitation in dieser frühen Phase könne ein Akutkrankenhaus nur schwer leisten, „wenn die Arbeit immer wieder durch Blaulicht unterbrochen wird“.

Es ist ein Problem der adäquaten Versorgung und vor allem ihrer Finanzierung.

Die Aktivierung der Patienten sei Handarbeit, zeitintensiv, teuer und mit Risiken behaftet: „Ein Mensch an einem Rollator kann auch mal stürzen.“ Man brauche ein intelligentes Konzept, ein Team und intensiven Austausch. Knecht nutzt dafür das Bild eines Orchesters. „Es ist schwer zu dirigieren, wenn dauernd Blaulicht aufleuchtet. Das Problem muss wahrgenommen und die Ressourcen müssen bereitgestellt werden. Akut und Reha müssen sich verheiraten.“

Die teuren, aber notwendigen Investitionen in eine frühzeitige Reha — pro Tag 300 Minuten für aktivierende Pflege und Training — lohnen sich auch volkswirtschaftlich, glaubt Knecht. Wenn Patienten früh und gezielt von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden behandelt würden, könnten sie viele Fähigkeiten zurückgewinnen. „Man verhindert einen Rattenschwanz an Kosten, der sonst kommt für Hilfsgeräte, Betreuung oder Pflegeplätze.“

Dass es diesen Zusammenhang gibt, hat eine Studie in China bewiesen. „Die Chancen auf Heilung waren umso höher, je früher die Behandlung einsetzte.“

„Wir bemühen uns, schon schwerkranke Patienten, die beispielsweise noch an Monitoren hängen oder beatmet werden müssen, zu mobilisieren“, sagt Knecht, „denn wenn man in einem Krankenhaus liegt, wird man krank.“

Muskeln, Knochen, Gefäße und Herzmuskel litten. Knecht sieht sein Haus für die Frühreha — sollte sie denn finanziert werden — gut aufgestellt. Doch Reha und Akuthäuser zögen mittlerweile an einem Strang: „Es soll der machen, der die strengen Kriterien am besten erfüllt.“

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