Osterath: Wenn das Tier nicht aus dem Stein will, wird gesägt

Osterath: Wenn das Tier nicht aus dem Stein will, wird gesägt

So überlaufen war der Bildhauer-Kurs für Kinder selten. 16 Schüler präsentieren im Alten Güterbahnhof ihre Arbeiten.

Osterath. Ein bisschen müsse man die Muckis schon einsetzen, bestätigt der siebenjährige Moritz. Seinem Nashorn aus Porenbeton fehlt noch das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zum Nilpferd, und nur ein paar Stunden verbleiben dem beflissenen Bildhauerschüler, um die entsprechende Form aus dem Steinblock zu feilen. Dann ist die Vernissage für die 16 Teilnehmer, die am diesjährigen Kinder-Sommerkurs von Gisela Bretz teilgenommen haben.

Die Meerbuscher Künstlerin konnte trotz viel zu hoher Personenzahl keinem die Anmeldung abschlagen und holte sich zur handwerklichen Unterstützung kurzerhand Tochter Claudia in den Alten Güterbahnhof. Auch der sechsjährige Enkel nimmt Anteil an der Kunst, an seinem Kräftelimit beim Bildhauen konnte Bretz einst das Mindestalter für ihr Kursangebot messen.

Auch diesmal beziehen sich die jungen Aktiven mit wenigen Ausnahmen auf Tiervorlagen. "Dazu haben sie einfach den besten Bezug", meint die Dozentin. Nach der plastischen Bearbeitung lernten die Schüler insgesamt, im Leben besser hinzuschauen. Am meisten liegen Bretz die Rundungen am Herz, und sie ermuntert oft zum Nachempfinden, legt aber auch die Säge an, wenn das Tier nicht aus dem Stein will, "in dem es nun mal steckt."

Oft wird "die Gisela" gefragt, ob man es richtig mache, denn sie ist bekannt dafür, alles unermüdlich zu erklären. Auch Julius nutzt das, obwohl er dem Original zum Eichhörnchen auf dem Arbeitsblock vor sich schon oft gegenüberstand: "Im Baumhaus bei uns im Garten bin ich mit Zapfen beworfen worden", lacht der Siebenjährige.

Für Fabian ist das Formen eines Bären aus Stein nur eine Art kreative Fortsetzung von dem, was der Zehnjährige bereits bei einer Jugendfahrt nach Österreich in diesem Jahr in vielen Arbeitsgemeinschaften begonnen hat. Die kleine Joelle dagegen fährt noch in die Ferien, weiß aber nicht mehr wohin - nur, dass man dort Kutsche fahren kann, schließlich gibt es auch mit sechs Jahren Prioritäten. Momentan ist es die Fertigstellung des widerspenstigen Stein-Schmetterlings.

Steffen (10) und Niclas (9) setzten - männlich-selbstbewusst - technische Motive wie Lok und Flugzeug durch. Schließlich sei er bereits zehn Mal geflogen und zweimal sogar allein, betont Niclas, der regelmäßig zum Besuch der Großeltern aus Hamburg anreist, die ihn diesmal für diesen Kurs anmeldeten.

Die im Güterbahnhof zusammengekommenen Schüler von Klasse eins bis sieben glänzen durchweg mit Einsern und Zweiern im Fach Kunst, werden aber dort eher selten aufgefordert, an lebenden Wesen die Mehrdimensionalität zu begreifen, vermutet Gisela Bretz.

Mehr von Westdeutsche Zeitung