Nierst/Meerbusch: Deichsanierung - Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Nierst/Meerbusch: Deichsanierung - Die Wahl zwischen Pest und Cholera

Eine Bürgeri nitiative bemüht sich um das Überleben der Pappelkulisse.

Nierst. Im Rahmen der Deichsanierung zwischen Langst-Kierst und Krefeld-Uerdingen sollen am Nierster Deichabschnitt rund 98 Pappeln gefällt werden "Ein 100-jähriger Baum kann zehn Menschen mit Sauerstoff versorgen und es wären 2500junge Bäume nötig, um die gleiche Leistung zu bringen", zitiert Renate Brors aus einer städtischen Infobroschüre.

Dass in Nierst jetzt 98 Pappeln gefällt werden sollen, bringt Brors deshalb besonders in Rage. Auf einer Informationsveranstaltung auf dem Werthhof versammelten sich am Sonntag knapp 100 Bürger, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Brors möchte mobil machen, allerdings scheint das "Wie" noch nicht ganz beantwortet. Zunächst sollen bis auf weiteres jeden Sonntag um 11Uhr Umweltexperten und auch Ärzte auf den Werthhof eingeladen werden, die die Folgen einer möglichen Pappelrodung erläutern sollen. 100Lampions will Brors symbolisch für die Pappeln auf ihrem Hof im Wind baumeln lassen.

Im September 2008 wurde das Planfeststellungsverfahren für die Deichsanierung bereits abgeschlossen. Der Planfeststellungsbeschluss kann seit Oktober 2008 bei der Stadt Meerbusch und Krefeld eingesehen werden.

Andrea Blaum, die mit vielen Mistreitern schon in der Initiative "Pro Baum" für den Erhalt möglichst vieler Platanen an der B9 in Büderich gekämpft hat, moniert jedoch genau diese Vorgehensweise. "Als Bürger muss ich erst zur Stadtverwaltung gehen, um zu wissen, welche Bäume genau gefällt werden sollen." Jetzt wolle sie sich informieren, was zum jetzigen Zeitpunkt im Verfahren noch auszurichten sei.

Renate Brors sucht ebenfalls nach einer pragmatischen Lösung. Eine Verlegung des Deiches um 30 Meter landeinwärts ist die Idee, die ihr vorschwebt: "Es wäre günstiger, von den anliegenden Landwirten die Grundstücke zu erwerben, als die Rodung der Pappeln zu finanzieren."

Das Argument, dass die Pappeln bereits 80Jahre alt seien und somit ihre erwartete Lebensdauer erreicht hätten, versucht sie zu entkräften: "Ich habe mit Nierster Bürgern gesprochen, die die Pappeln vor 55 Jahren an ihren jetzigen Standort mit der Kutsche angeliefert haben. Entscheidend ist auch der Standort einer Pappel, um deren genaue Lebenserwartung zu prognostizieren." Es seien Lichtbäume, der Standort am Deich ideal.

Hans-Wilhelm Webers vom Nierster Bürgerverein findet eine drastische Metapher für die verzwickte Situation: "Wir befinden uns praktisch zwischen Pest und Cholera. Einerseits wollen wir alle einen sicheren Deich, andererseits möchten wir auch, dass die Pappeln erhalten bleiben."

Ziel des Nierster Bürgervereins ist es deshalb, alle Parteien noch einmal an einen Tisch zu bringen. "Am 18.November wird der Deichverband auf Einladung des Bürgervereins den genauen Ablauf der Sanierungsarbeiten schildern." Sollte im Rahmen dieses Termins kein Konsens erzielt werden, möchten auch Webers und der Bürgerverein konkrete Maßnahmen ergreifen.

Meerbusch. Josef Schmitz, der Geschäftsführer des Deichverbands,erinnert daran, dass im Planungsverfahren vier Varianten für dieDeichsanierung vorgelegen hätten, deren technische Daten dieBezirksregierung in Düsseldorf geprüft und sich dann entschieden hätte.

In das Verfahren sei damals auch das Staatliche Umweltamt integriertworden. Eine Auswirkung der Abstimmungen war die Forderung, am Deichfußkeinen Bewuchs zuzulassen, dessen Wurzelwuchs den Hochwasserschutzgefährden könnten. Daraus wiederum folgt nun die Fällung von Obstbäumenin Langst-Kierst und Pappeln in Nierst.

Den Deichausbau zurRettung der Bäume ins Landesinnere zu verschieben - wie es dieWerthhof-Bewohnerin Renate Brors vorschlägt - hält Schmitz fürproblematisch: "Die Fläche dort wird intensiv von Landwirten genutzt.Das ist die Problematik."

Zum formalen Verfahren: DerDeichverband kann nicht eigenmächtig vom Planfeststellungsbeschlussabweichen. Würde man sich also entscheiden, die Bäume nicht fällen zuwollen, müsste laut Schmitz ein neues Planfeststellungsverfahreneingeleitet werden. "Das alte hat acht Jahre gedauert."