Nierst: Der Umgang ist hart und herzlich

Nierst: Der Umgang ist hart und herzlich

Der Nierster Bürgerverein sammelt und vertritt Stimmen und Stimmungen.

Nierst. Die Freie Herrlichkeit - sie wird bewahrt und mit Zähnen und Klauen von ihren Bewohnern verteidigt. Der Bürgerverein spielt in dem eng gewobenen Nierster Netz eine zentrale Rolle: Zweimal jährlich lädt er seine Mitglieder zur Versammlung ein. Das bedeutet: Dorfversammlung. Denn zum Nierster Bürgerverein gehört, wer in Nierst wohnt.

Vernetzung und eine enge Zusammenarbeit sind dem Vorsitzenden Hans Wilhelm Webers wichtig: So steht den Vorständen aller Nierster Vereine die Tür zu den Bürgervereinsvorstandstreffen offen, man pflegt die Mitgliedschaft im Kreisheimatbund, den Kontakt zum Heimatkreis Lank, den übrigen Rheingemeinden und Ossum-Bösinghoven.

Seit den 60er Jahren spielt der Bürgerverein auf der politischen Bühne mit. Oft ging es um die Dorfgestaltung: Ulmen und Pappeln sollten nicht gefällt, eine Müllverbrennungsanlage im Hafen ebenso wie eine Biogasanlage verhindert werden. Der letzte Zipfel Meerbuschs wurde ans Erdgasnetz und wird nun ans DSL-Netz angeschlossen.

Strukturen zu verbessern - das bedeutet für Webers, Fink und ihre Mitstreiterin Andrea Timmermanns, die Lebensqualität im Dorf zu verbessern. Vor zwei Jahren hat Timmermanns den Nierster Markt ins Leben gerufen. Seitdem gibt es freitags von 14 bis 18 Uhr auf dem Dorfplatz frischen Fisch, Brot und Backwaren, einen Metzger, der Geflügel, Wild und selbstgemachte Salate anbietet. Alle zwei Wochen kommt auch der Käse-Wagen.

Händler kommen zu ihren Kunden - das Konzept geht auf und hat angenehme Begleiterscheinungen: "Etwa 15 ältere Damen treffen sich hier zum Marktcafé", erzählt Webers schmunzelnd. Einkaufen, klönen, dazu ein Kaffee, den Andrea Timmermanns und zwei Helferinnen servieren - und Sekt, Federweißer oder Glühwein, je nach der Jahreszeit. "Mit Kaffee alleine können wir niemanden locken", sagt die Organisatorin scherzhaft.

Dass dem Bürgerverein das Kaffeekränzchen am Herzen liegt, zeigt seine aktuelle Wunschliste: ein fest installierter Tisch und Bänke sowie ein großer Schirm gegen Regen und Sonne. Sponsoren, Einnahmen aus der Verpachtung der Marktplätze und intensives Klinkenputzen der Bürgervereinsmitglieder helfen, solche Projekte zu finanzieren. "Alle Einnahmen, die wir haben, werden in Nierst refinanziert", betonen Fink und Webers.

"Wie soll ein Gemeinschaftsleben funktionieren, wenn es keine geeigneten Räume gibt?", fragt Ulrich Fink. Ebendiese Frage hat die Vereinsoberen im Dorf im Sommer in Wallung gebracht. Denn der Ausbau der Kindertagesstätte Mullewapp erstreckte sich unerwartet auf die benachbarten Bürgerräume in der Alten Schule. Doch was der Bürgerverein mit den Vereinen diskutieren wollte, löste nur Zorn aus: Die Spitzen der Karnevalisten, der Gemeinde, der Senioren oder auch der Feuerwehr lehnten jegliche Beschneidung der Bürgerräume kategorisch ab.

Zorn und harsche Kritik trafen Webers & Co. hart und persönlich. Dabei bemühe man sich immer, einen Konsens aller zu finden, sagt das Trio. "Wir sind nicht der Verein der Vereine, sondern Sprachrohr aller Bürger", sagt Fink aber auch. Deshalb sei die Aufgabe manchmal so schwierig. Das Gute: Die Wogen glätteten sich immer wieder.

Aktuelle Projekte kosten den Vorstand viel Zeit. "Deshalb findet man ja außer bei Kött on Kleen auch keine jungen Leute, die das machen", sagt Webers. Eine Ausnahme ist Andrea Timmermanns (41), die die Arbeit zwischen Haushalt und Kindern organisiert.

Projektbezogen funktioniere die Unterstützung im Dorf aber vereins- und generationenübergreifend sehr gut, lobt der BV-Vorstand einhellig. So sei die Neue Mitte Nierst von allen gemeinsam verwirklicht worden: Wo früher das Trafohaus das Nierster Wahrzeichen stand, steht heute der Payas-Brunnen. Der Kirchenvorplatz wurde neu gestaltet, der Dorfplatz bekam Unterflurcontainer, die Bushaltestelle wurde behindertengerecht ausgebaut, neue Beete angelegt. "Ich dachte, wir schaffen das nie", sagt Ulrich Fink. Doch gemeinsam schafften sie es. Geld floss aus verschiedenen Töpfen - von der Stadt auch direkt an den Bürgerverein. "Ein Vertrauensbeweis." Webers: "Jetzt schuften wir alle drei Wochen in den Beeten!"

Und wenn gerade kein Unkraut zu zupfen, Zementwerk zu verhindern und Lkw-Verkehr zu beklagen ist, bereitet der Bürgerverein ein Fest vor: zuletzt 2008 das Dorffest, 2009 das Brunnenfest. 2010 überließ er den Karnevalisten das Feld.

Mehr von Westdeutsche Zeitung