Meerbusch: Kirchengemeinden wollen attraktiver werden

Glaube : Kirchengemeinden trumpfen auf

Um wieder mehr Mitglieder zu bekommen, haben viele Gemeinden in Meerbusch neue, ungewöhnliche Angebote entwickelt.

Viele Kirchengemeinden in der Stadt arbeiten daran, wieder attraktiver für Gläubige zu werden. Nachdem die Mitgliederzahlen wie in ganz Deutschland auch in Meerbusch jahrelang rückläufig waren, haben die meisten Gemeinden Angebote und Projekte gestartet.

Die Pfarrei Hildegundis von Meer feierte Ende September mit dem Start ihrer Mitsingkonzerte in St. Stephanus einen Erfolg. Mit Teppich, Sesseln und Sofa richteten die Gemeindemitglieder eine Art Wohnzimmer in der Kirche ein. Melanie Boden (21), Initiatorin des ersten Wohnzimmerkonzerts, hatte ganz konkrete Vorstellungen: „Ich wollte den Kirchenraum einfach mal anders gestalten. Es sollte gemütlich sein, wie ein Zuhause. Ich möchte, dass gerade junge Menschen sich wieder wohl in der Kirche fühlen, wie in einem guten Wohnzimmer, mit Liedern und Texten, die eine andere Sprache sprechen.“

Zu den Konzerten sind neben Gemeindemitglieder ausdrücklich auch Nichtchristen und Kritiker der Kirche eingeladen. „Ich wünsche mir, dass gerade Menschen, die kritisch denken, die Dinge hinterfragen und die sonst vielleicht nicht in die Kirche kommen würden, zu Gast in Gottes Wohnzimmer sind“, sagt Boden. Rund 80 Besucher kamen zur Premiere der Konzertreihe und lauschten bei Häppchen und Getränken den Musikern. Der nächste Termin für das Kirchenkonzert in lockerer Atmosphäre ist am Samstag, 8. Dezember, 18.30 Uhr – dieses Mal mit weihnachtlicher Musik.

Auch in Büderich betont Pfarrer Wilfried Pahlke den Veränderungswillen der Evangelischen Gemeinde: „Mein Lieblingsspruch in diesem Zusammenhang: ,Wer will, dass Kirche bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt’.“ Der Geistliche lege Wert auf die Kinder- und Jugendarbeit: „Die sehr guten Beziehungen zu allen Büdericher Schulen sind ein wichtiger Punkt unserer Gemeindekonzeption. Es gibt einen florierenden Kindergottesdienst und die Jugendfreizeit im Sommer in Dänemark ist immer ein Highlight.“ In den Angeboten ließe sich der Mitgliederschwund kaum erkennen: „Wir haben einen guten Gottesdienstbesuch, und auch andere Veranstaltungen werden gut angenommen.“

Die Gemeinde von St. Mauritius spricht gezielt Passanten an

Die Pfarrgemeinde St. Mauritius und Heilig Geist hat ebenfalls Maßnahmen ergriffen. Seit Mai 2016, als auch das Projekt „MauritiusGeist im Wandel“ startete, ging die Facebookseite der Gemeinde online. Seit September gibt es auch das Angebot „Shop and Stop“. Dabei sprechen Gemeindemitglieder samstags Menschen auf dem Markt an, ob sie für eine Viertelstunde (je von 11.30 bis 11.45 Uhr) in die St. Mauritius Kirche kommen wollen. Dort wird ein wechselndes Programm zum Innehalten angeboten, etwa Musik, Kunstbesprechungen oder Bibeltexte.

Viele Kirchengemeinden in Meerbusch berichten von einem Rückgang der Mitgliederzahlen von rund einem Prozent pro Jahr. „Die Zugehörigkeit zur Kirche ist für viele nicht mehr so selbstverständlich wie früher, sondern eine wesentlich bewusstere Entscheidung“, sagt Martin Klingen, Vorstand der Gemeinde St. Mauritius und Heilig Geist. Zudem würde über Dinge wie den Missbrauchsskandal in der Kirche oder die kirchliche Sexualmoral auch in Büderich diskutiert.

Spürbar wird der Rückgang der Mitgliedszahlen etwa bei Einnahmen durch die Kirchensteuer. „Dankenswerterweise werden allerdings viele Projekte durch Spenden unterstützt und getragen“, sagt Pfarrer Pahlke. In anderen Gemeinden fehlt es an Ehrenamtlern, etwa bei der Evangelischen Gemeinde Osterath oder der Pfarrei Hildegundis von Meer. „Wir können die Aktivitäten der Vergangenheit nicht mehr ungeschmälert aufrecht erhalten“, sagt ihr Sprecher Sven-Joachim Otto.

Von ähnlichen Problemen berichtet die Gemeinde St. Mauritius und Heilig Geist. Weil die Zahl der Priester zurückgeht, müssten inzwischen immer mehr Laien kirchliche Aufgaben übernehmen. „Da auch deren Ressourcen nicht unbegrenzt sind, wird sich die Gemeinde mehr und mehr auf das Wesentliche konzentrieren müssen“, sagt Klingen. Der Handlungsbedarf ist groß: „Ich befürchte, dass ich der letzte Pfarrer dieser Pfarre bin“, sagte auch Michael Berning im Sommer bei seinem 25-jährigen Weihjubiläum. Einige Jahre will er aber noch bleiben.