Meerbusch entdecken: Ein Rundgang durch Ilverich

Serie Meerbusch entdecken : Unterwegs im ländlichsten Ortsteil von Meerbusch

In Ilverich gibt es keine Kirche und keinen Supermarkt. Dennoch lohnt sich ein Besuch der Rheingemeinde.

Ilverich ist eines der kleineren Dörfer von Meerbusch. Gibt es dort überhaupt etwas zu entdecken? Das Ehepaar Ilse und Ludwig Petry wohnt seit 1974 in dem Ortsteil und muss die Antwort wissen. „Als wir hierher zogen, vermissten wir zunächst einiges. Vergeblich sahen wir uns nach einem Geschäft um, nach einem Supermarkt, nach einer Apotheke und was man sonst so braucht zum täglichen Leben. Es gab damals noch einen Eierautomaten und zwei Briefkästen. Eine Kirche gab es nicht, nicht einmal eine Kapelle oder ein Wegekreuz“, erzählen sie.

Doch schnell fühlten sich die Künstlerin und der Pädagoge in Ilverich heimisch. Treffpunkt für den Rundgang ist an der Alten Schule (erbaut 1829), in der sich damals die über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Galerie des Ehepaars Paul befand. Sogar Josef Beuys war dort oft zu Gast. „Ich kann mich genau erinnern, wie er aus dem Auto stieg und von den Pauls in ihrem Garten begrüßt wurde“, erzählt Ilse Petry-Ambrosius. Namhafte Kulturschaffende wie Günter Grass, Markus Lüpertz oder Toni Ungerer stellten in dem Atelier auf der grünen Wiese aus.

„1979 wurden in der Galerie 1075 Jahre Ilverich und 150 Jahre Schule gefeiert“, erzählt Petry. Dazu luden die Galeristen acht Künstlerinnen und Künstler aus Ilverich ein: Mit dabei war Ilse Petry-Ambrosius. Ein Anziehungspunkt besonderer Art sei der „Krümpelmarkt“ gewesen, den Angela Paul, geborene Krümpelmann, rund um die Galerie mit Trödel, Künstlern und Artisten organisierte.

Seit 1996 wird die Alte Schule, die seit 1859 mit einem kleinen Glockenturm versehen ist, um den Knechten die Mittagspause einzuläuten oder einen Leichenzug zu begleiten, privat genutzt. Gleich davor steht der letzte Briefkasten von Ilverich. „Unsere Verbindung in die Welt“, scherzt Petry, der aber auch viel im digitalen Netz unterwegs ist. Schräg gegenüber befindet sich eines der alten Gehöfte, die für Ilverich typisch sind: der Hof von Ridders-Wolf, früher Münkshof. Bis zur Säkularisation 1804 gehörte er zum Herrschaft- und Wirtschaftsbereich des Klosters Meer. Eine lange Allee führt zu dem historischen Vierkanthof, der unter Denkmalschutz steht. Große Findlinge schmücken den Eingangsbereich.

Dass Ilverich weitaus älter ist, als dieses Hofanlage und die Alte Schule vermuten lassen, kann Petry, der Geschichte studiert hat und sich lange in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz engagiert hat, an einer anderen Stelle erläutern. Zwar ist optisch nichts mehr zu sehen, aber die Archäologen haben in unmittelbarer Nähe des Münkshofs römische Scherben und Keramiken gefunden und sind sich sicher, dass dort eine „Villa Rustica“ stand. „Zur Römerzeit verlief über Meerbuscher Gebiet eine wichtige Verkehrsverbindung von Köln nach Xanten“, erläutert Petry.

Die Villa sei offenbar die prächtigste ihrer Art im gesamten Umland gewesen. Schade, dass man nur im Modell, das Petry zu Hause stehen hat, eine Vorstellung davon bekommen kann.

Vorbei am Landgasthof und dem Landhandel Bolten, der einzigen Möglichkeit, etwas einzukaufen oder ein Bier zu trinken, geht es bald danach in eine kleine Gasse, die zu einem versteckt liegenden Spielplatz führt. „Hier wachsen sehr leckere Brombeeren“, verrät Petry und pflückt gleich eine Handvoll.

Dann geht es zum Kuhweg, der die Begrenzung zwischen Dorf und Ilvericher Altrheinschlinge bildet. „Auf dem wurden früher die Kühe der Ilvericher Landwirte von Kuhhirten auf die Weiden im Ilvericher Bruch getrieben“, weiß der Historiker.

Der Blick schweift über abgeerntete Felder, Pferdekoppeln und zur Flughafenbrücke. „Für unsere Kinder und Enkelkinder war das ein Paradies“, erzählt Ilse Petry, „sie haben Baumhäuser gebaut und einmal sogar in der Wildnis gezeltet.“ Sie und ihr Mann schätzen die offene Niederrheinlandschaft  – und Ilse Petry besonders die knorrigen Kopfweiden.

Zurück an der Oberen Straße machen die beiden an einer der Streuobstwiesen halt, die zum Ernten einladen. Ilse Petry hebt einige Äpfel auf.

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