In 49 Minuten die legendäre Streif hinauf

In 49 Minuten die legendäre Streif hinauf

Der Meerbuscher Extremläufer Philip Mes (38) startete beim Vertical Up in Kitzbühel. Es ging darum, die Abfahrtsstrecke so schnell wie möglich hochzurennen. Ein Erlebnisbericht.

Sie gilt als die schwierigste Ski-Abfahrtsstrecke der Welt — die Streif in Kitzbühel. Was beim spektakulären Hahnenkammrennen auf Skiern das Ziel ist, ist beim Lauf namens „Vertical Up“ (VUP) der Start und umgekehrt: Der Start ist das Ziel. Es ist meine dritte Teilnahme in der Speed-Klasse beim VUP in Kitzbühel und ich stehe in Laufhosen bei 0 Grad Celsius mit Helm und Stirnlampe in erster Reihe am Start. Respekt, Vorfreude, und höchste Konzentration kommen auf, als um 18.30 Uhr der Kanonenstart erfolgt. Ich presche durch knöcheltiefen Schnee los, bis Beine und Lunge brennen.

Foto: privat

Spätestens ab der Traverse herrscht Chaos. Jeder versucht auf der vereisten Schräge, die optimale Linie zu finden, ohne auszurutschen und andere mit in die Tiefe zu reißen oder gar mit Steigeisen zu verletzen. Doch einige sausen wie Geschosse durch die Läufer. Gut, dass es seit diesem Jahr eine Helmpflicht gibt. Ich weiche aus Erfahrung an den Waldrand aus, verliere zum ersten Mal meine rechten Spikes und verliere sofort den Halt auf der vereisten Steigung. Halten, richten, weiterlaufen, denn sonst lande ich schneller im Tal, als mir lieb ist.

Nach der Hausbergkante mache ich im Lärchenschuss und am Oberhausberg sprintend einige Plätze gut. Puls und Atem rasen um die Wette. Einen Schluck Tee an der Seidelalm kommt gerade Recht und irgendwie vermisse ich bevor es in den Seidelalmsprung geht die aufmunternden Worte vom Urgestein Pauli: „Philip, du wüida Hund, aufi aufi!“

Hell beleuchtet liegt die Alte Schneise vor mir. Stirnlampen wuseln wie auf der Perlenschnur gezogen hinauf. So steil hatte ich diesen Abschnitt nicht mehr in Erinnerung. Ich nutze die unregelmäßig in die Piste geschlagenen Stufen meiner Vorgänger und arbeite mich Schritt für Schritt der Absprungkante entgegen.

Die Gleitstücke Brückenschuss und Gschöss bringen mich zur Schlüsselstelle des Abfahrtsrennens: Die Steilhang-Ausfahrt. Doch bergauf laufend kann uns diese nichts anhaben. Dafür fordert der nun zu erklimmende Steilhang mir alles ab. Es ist so steil, dass man nur mit weit vorgebeugtem Oberkörper hochkommt. Ausgerechnet hier verliere ich meine Spikes am rechten Schuh. Ich rutsche und kann keinen Schritt mehr setzen. Auf einem Bein im steilen Hang versuche ich mein Problem in den Griff zu bekommen.

Ich erreiche das Karussell und höre die begeisterte Menge an der Mausefalle, die uns Läufer lautstark anfeuert. Deswegen gebe ich in der Kompression noch mal richtig Gas. Ich quäle mich die spiegelglatte Mausefalle rauf, die steilste Abfahrt der Welt mit 85 Prozent Steigung. Hunderte Zuschauer säumen die letzten Meter bis ins Ziel und jeder Läufer. Meine Oberschenkel brennen und sind schwer wie Blei. Ich beiße, ich kämpfe und gebe noch mal alles. Mit dem Schritt ins Starthäuschen habe ich es geschafft und bekomme nach 49 Minuten meine Finishermedaille umgehangen. Die Schlacht am Hahnenkamm ist geschlagen.

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