Integration von Geflüchteten Erstorientierung wird zu Integration

Meerbusch · Seit einem halben Jahr lernen Menschen aus der Ukraine an der Volkshochschule die deutsche Sprache und Kultur. Inzwischen kommen sie hier zurecht – doch die Angst um die Heimat prägt nach wie vor ihr Leben in Meerbusch.

 Necip Soy unterrichtet die Geflüchteten seit einem halben Jahr. Er arbeitet mit Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen.

Necip Soy unterrichtet die Geflüchteten seit einem halben Jahr. Er arbeitet mit Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen.

Foto: RP/Dominik Schneider

Im Sommer hat Necip Soy begonnen, für die Volkshochschule Meerbusch aus der Ukraine geflüchteten Menschen im Rahmen eines Erstorientierungskurses Unterricht zu geben. Im Keller des VHS-Gebäudes lernte die Gruppe die deutsche Sprache, aber noch viel mehr: Soy brachte ihnen alles über das Leben in Deutschland bei, erklärte, wie der Alltag abläuft, wie Behördengänge, Schulen, Geschäfte funktionieren und was es über die Kultur zu wissen gibt. Heute, mehr als ein halbes Jahr später, trifft sich die Gruppe noch immer regelmäßig, einige sind neudazugekommenn, andere ausgeschieden.

Für Soy als Dozent bestand die besondere Herausforderung in der Arbeit mit den Menschen aus der Ukraine von Anfang an darin, dass ein Großteil seiner Kursteilnehmer mitten aus dem eigenen Leben gerissen wurde. „Sie hatten in der Ukraine alles, und das wurde ihnen genommen“, so Soy. Akademiker, Menschen, die jahrelang ein gefestigtes Leben mit Beruf, Freunden und Familie geführt hatten, standen in Deutschland vor dem Nichts, ohne Vorwissen, ohne Kenntnisse des Landes, in dem sie nun leben sollten. Inzwischen ist aus dem Erstorientierungskurs ein Integrationskurs geworden, der in den Räumen der Realschule Görresstraße stattfindet. Viele der Teilnehmer, die schon im Sommer dabei waren, sind noch immer da. Ihr Deutsch ist über die Monate merklich besser geworden, und viele haben sich in Meerbusch so etwas wie einen Alltag aufgebaut.

Auch Menschen aus anderen Herkunftsländern sind inzwischen hinzugestoßen – die Gruppe ist extrem heterogen. Neben den Ukrainern sind auch Afghanen dabei, eine Polin, eine Brasilianerin. Und auch die Hintergründe der Kursteilnehmer könnten unterschiedlicher kaum sein. Da sind ein IT-Ingenieur und ein Finanzmanager. Ein Kinderarzt, der erst vor wenigen Wochen aus Afghanistan gekommen ist und sich mit der Sprache noch sehr schwer tut. Da ist aber auch ein Afghane, der in seiner Heimat keine Schule besucht hat, nicht lesen oder schreiben kann, und nun gemeinsam mit den anderen von null auf lernen muss. Und da sind diejenigen, die seit Monaten in Deutschland leben, sich hier eingelebt haben und im Sprachunterricht Themen wie Modalverben behandeln.

Sprachbarrieren zwischen Dozent und Teilnehmern werden geringer

„Das funktioniert nur, wenn der Kurs als Einheit arbeitet – ich allein könnte diese breite Spanne von Anforderungen nicht bewältigen“, gibt Necip Soy zu. Das bedeutet: Wer schon länger dabei ist, wer des Deutschen inzwischen mächtig ist, der hilft denen, die es noch nicht sind. Je weiter der Kurs fortschreitet, desto geringer werden die Sprachbarrieren zwischen den Teilnehmern und dem Dozenten. Im Sommer musste noch eine Ukrainerin mit deutschen Vorkenntnissen für Soy übersetzen, inzwischen hilft man sich gegenseitig, schließt die Wissenslücken der anderen Kursteilnehmer.

Dazu, Deutschland und seine Bewohner besser kennenzulernen, haben auch mehrere Exkursionen beigetragen: ein Besuch auf dem Kölner Dom, eine Schifffahrt auf dem Rhein und ein Rundgang durch das Haus der Geschichte in Bonn.

Im Kurs haben die Teilnehmer inzwischen gelernt, wie sie sich im Alltag zurechtfinden. Sie nutzen den ÖPNV, gehen zu Amts- und Arztterminen, haben ihre Kinder an den Meerbuscher Schulen angemeldet. Doch wirklich angekommen fühlen sich vor allem die Menschen aus der Ukraine größtenteils noch nicht, und werden es auch nicht. Denn das Wichtigste fehlt: Die Ehemänner, die Lebensgefährten, Väter und Freunde, die noch in der umkämpften Heimat sind. Eine Frau erzählt: „Ich habe inzwischen eine Arbeit als Köchin gefunden, und nebenbei muss ich die Rolle beider Elternteile ausfüllen. Ich spiele mit meinem Sohn Fußball, repariere sein Fahrrad. Das hat früher sein Vater gemacht, aber der ist noch in der Heimat. Ich vermisse meinen Mann und mein Land.“ Eine junge Frau, die mit ihrer Schwester, ihrer Großmutter und dem jungen Sohn inzwischen in einer eigenen Wohnung in Strümp lebt und digital Grundschulunterricht in der Ukraine gibt, formuliert es wie folgt: „Wir haben es gut hier, aber wir können kein schönes Leben führen, weil unsere Köpfe und Herzen noch in der Ukraine sind.“ Die Angst um die in der Heimat Zurückgebliebenen prägt den Alltag der Geflüchteten und bedeutet ständige Sorgen und Stress. „Wir sind dankbar für alles, was wir hier bekommen haben“, sagt eine der Kursteilnehmerinnen. „Aber solange die Lage in der Heimat so ist, wie sie ist, werden wir hier keinen ruhigen Alltag haben. Deswegen ist es auch weiterhin wichtig, auf das Schicksal unseres Landes aufmerksam zu machen.“