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Bürgermeister Hugo Recken im Zwielicht

Bürgermeister Hugo Recken im Zwielicht

Stadtarchivar sucht Belege für die Gesinnung des Bürgermeisters.

Meerbusch. Es sei sehr schwierig gewesen, an Material über Osteraths ehemaligen Bürgermeister Hugo Recken zu kommen, sagt Stadtarchivar Michael Regenbrecht. Recken war in den Fokus geraten, als Ende des vergangenen Jahres in Osterath Stolpersteine verlegt wurden, die rund 70 Jahre danach an vertriebene, deportierte und ermordete Juden erinnern. Er war während der nationalsozialistischen Diktatur im Dezember 1934 für zwölf Jahre zum Bürgermeister von Osterath gewählt worden.

War er ein Nazi oder war er es nicht? Falls ja, müsse die Hugo-Recken-Straße umbenannt werden, forderte die UWG. Auf Bitte des Bürgermeisters Dieter Spindler machte sich Stadtarchivar Regenbrecht im Januar auf die Suche nach Antworten.

Die Diskussion um Recken erhält Nahrung aufgrund der Zerstörung des jüdischen Friedhofs am Osterather Sportplatz Schiefelberg zugunsten eines Neubaugebiets in seiner Amtszeit (1934/35) oder auch durch eine Erklärung des jüdischen Bürgers Julius Gutman nach Kriegsende.

Reagierend auf Gerüchte, Recken würde erneut als Bürgermeister eingesetzt, drückt Gutman 1945 in einem Brief „an den Herrn Landrat“ seinen Protest „im Namen der jüdischen Gemeinschaft Osteraths“ aus. „Besonders in der Judenfrage war er (Recken, Anm.d.Red.) sehr unerbittlich.“ Er habe die jüdischen Gräber unter einem „nichtigen Vorwand“ entfernen lassen. Zudem habe Recken bei mehrfachen Vorladungen darauf gedrungen, dass das Ehepaar Gutman Osterath verlasse. Er, Gutman, habe bei jedem Hausklingeln große Angst gehabt, wieder zu Recken gerufen zu werden.

„Schliesslich steckte er (Recken, Anm.d.Red.) sich hinter die Gestapo, um durch diese zum Ziel zu kommen“, schreibt Gutman, der gemeinsam mit seiner Frau 1942 zum Umzug nach Krefeld gezwungen und von dort später nach Theresienstadt deportiert worden war.

Im Auftrag des Landkreises Kempen-Krefeld widerspricht ein Johannes Herbrandt, der Recken seit Jahren aus seiner Verwaltungstätigkeit kennt, den Vorwürfen. Völlig haltlos und unberechtigt seien sie, Recken sei „kein Gegner der Juden“. „Die Angelegenheiten der Juden wurden immer ohne besondere Schärfe oder Härte bearbeitet“, schreibt Herbrandt.

Auch Recken selbst hat sich vehement gegen Vorwürfe gewehrt und dargelegt, wie vielen Menschen er geholfen oder Hilfe anderer geduldet habe. „In Osterath ständiger Kampf mit der Partei“, notiert Recken in seiner Rechtfertigungsschrift. Der Entnazifizierungsausschuss entscheidet 1949 nach einer von Recken angestrengten Berufung, ihn nicht als Mitläufer, sondern als Entlasteten einzustufen — das bestmögliche Ergebnis.

Ein Blick ins Quellenverzeichnis genügt, um die Kleinteiligkeit der kurzfristig gestarteten Recherche zu erahnen: Regenbrecht sichtete Aufsätze, u.a. von Marie-Sophie Aust, über jüdische Familien in Osterath in den Meerbuscher Geschichtsheften, schaute in die Geschichte des Dritten Reichs von Sophie Wego, stöberte durchs Kreisarchiv Viersen und das Landesarchiv NRW.

Auch nach der Sichtung des Materials enthält sich Regenbrecht jeder Bewertung Reckens. Die Belege reichten nicht aus. Zwei wesentliche Akten aus dem Hauptstaatsarchiv seien angefordert, aber noch im Entsäuerungsprozess. Wann sie ihm zugänglich werden, sei völlig offen.