Alles Käse – sagen die Banken

Laetitia Belliard träumt von einer kleinen Fromagerie. Die Französin will Exquisites aus ihrer Heimat in einem eigenen Lädchen anbieten.

Meerbusch. Sieben Jahre lang hat Laetitia Belliard an der Oststraße in Büderich einen Secondhand-Laden für Kinderkleidung betrieben. Quasi nebenbei arbeitete sie bei der Messe in Düsseldorf, auch als Dolmetscherin.

Doch der Traum der Französin ist ein anderer: "Ich wollte schon immer ein Stück Frankreich in meine zweite Heimat Meerbusch bringen", erklärt sie den Wunsch, in einem Ladenlokal nahe des Deutschen Ecks eine Fromagerie zu eröffnen.

Viele Stammkundinnen aus Meerbusch, Oberkassel und dem Zooviertel, wo ihre achtjährige Tochter die Französische Schule besucht, reagieren begeistert auf die Idee. Die vielen Kontakte, die Belliard auf Messen wie Pro Wein oder Intercool knüpfen konnte, eine ebenso exklusive wie teure Fach-Ausbildung in Paris, die Nische, die sie mit ihrer Geschäftsidee besetzen würde und nicht zuletzt ein ausgeklügelter Business- sowie ein Finanzplan bestärken Belliard darin, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Angetrieben von Euphorie und Optimismus, wendet sich die 40-Jährige im Mai mit einem Aktenordner voller Unterlagen an ihre Hausbank, die Sparkasse Neuss, bei der sie seit 20Jahren Kundin ist. "Ich habe meine alten Zelte komplett abgebrochen, den Secondhand-Laden abgegeben und bei der Messe gekündigt, so überzeugt war ich von dem Projekt.

Ich habe sogar im April die Miete für das Ladenlokal im voraus bezahlt, damit mir das Geschäft niemand wegschnappt", erzählt Belliard und schiebt hinterher: "Das war wohl alles etwas blauäugig."

Denn nur wenig später kommt das Nein der Bank. "Ihre fiktiven Zahlen sind nicht ausreichend realistisch", heißt es in dem Schreiben. Laetitia Belliard ist wie vor den Kopf gestoßen: Überschaubare 33000 Euro hätte sie für Dinge wie Kühltheke, Gefriertruhe, Herd, Verkaufsware oder den Lebensunterhalt für die ersten sechs Monate benötigt.

Doch so schnell will die Französin, die nach ihrem Germanistik-Studium nach Deutschland zog, nicht aufgeben. Sie wagt einen Versuch bei der Volksbank. "Die Frau, mit der ich in Osterath geredet habe, war total begeistert. Eine Fromagerie sei bestimmt eine tolle Idee", berichtet Belliard von dem Gespräch. Dann hört sie erst einmal nichts mehr.

An ihrem 40.Geburtstag kommt der Anruf: Der Kredit könne nicht bewilligt werden, die Begründung würde schriftlich nachgereicht. In dem Brief ist später zu lesen, dass die Bankauskunft der bisherigen Hausbank negativ ausgefallen sei.

"Ich bin ausgeflippt und noch mal hin zur Sparkasse. Die haben mich nur widerwillig vorgelassen und mir dann erklärt, ich würde über keine ausreichende Qualifikation im Lebensmittelbereich verfügen. Ich solle lieber erst mal zwei Jahre in einem Supermarkt hinter der Käsetheke arbeiten. Und jetzt, wo ich arbeitslos sei, würde das mit dem Dispo in der bisherigen Höhe ja auch nicht mehr so weitergehen."

Der Dispo wird von 1500 auf 800 Euro gekürzt. Laetitia Belliard kann es nicht begreifen, schüttelt mit dem Kopf und zeigt auf das Zertifikat ihrer 2700Euro teuren Zusatzausbildung in Paris. "Das Geld dafür habe ich mir zum Teil geliehen. Was ich da alles gelernt habe: wie man Käse lagert, schneidet, offeriert, verpackt und vieles mehr!"

Die Tochter eines Winzers aus der Loire-Gegend hatte viel vor mit ihrem kleinen Laden in Büderich.

Neben Käse wollte sie französische Backwaren anbieten, hatte die Zusage von Jean Sylvos, einem Erzeuger von exklusiven Bio-Weinen aus ihrer Heimatregion, für den Alleinvertrieb in NRW. Die Französin wollte Geflügelkonserven der Familie Chaillan verkaufen, die es nur in der Provence gibt, und exklusive Liköre in ihr Sortiment aufnehmen.

Die Beschäftigten aus den umliegenden Büros hätten mittags eine Kleinigkeit serviert bekommen, selbst gemachte Quiche beispielsweise.

"Doch natürlich sollte der Käse im Vordergrund stehen", seufzt Belliard und gerät wieder ins Schwärmen, wenn sie etwa vom Sainte-Maure de Touraine erzählt, dem wichtigsten Ziegenkäse ihrer Heimatregion, dessen Gütesiegel seine traditionelle Machart garantiert. Mit dem Kreis-Veterinäramt und der Bauaufsicht in Meerbusch sei schon alles geklärt gewesen, sagt Belliard, "aber das war womöglich alles umsonst".

Das Ladenlokal an der Oststraße ist inzwischen wieder vermietet, eine Boutique zieht dort ein. "Vielleicht ist Deutschland einfach nicht reif für eine Fromagerie", sagt Belliard, hofft aber nichtsdestotrotz auf eine Chance.

Vielleicht "eine Art Privatinvestor, der meine Idee einfach gut findet. Mir muss das Geschäft nicht gehören, ich arbeite auch als Managerin." Ein anderes Ladenlokal hat sie bereits in Aussicht. "So schnell gebe ich nicht auf."

Mehr von Westdeutsche Zeitung