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Kaarst als Wohnort – immer beliebter, immer teurer

Wohnen in Kaarst : Kaarster Immobilien sind teuer

Preise für Eigentum sind explodiert. Viele junge Familien mit hohen Einkommen ziehen nach Kaarst.

Der erste Weg führt immer ins Internet. Wer sich Eigentum zulegen möchte, schaut sich zunächst auf den einschlägigen Internetseiten um und landet mit dem ersten Klick meist bei Immobilienscout24.de. Doch die meisten Suchenden werden sofort abgeschreckt. Derzeit liegt das günstigste Angebot für ein Haus in Kaarst, ein Bungalow, bei 358 000 Euro – ohne Maklergebühr. Das hört sich erst einmal für heutige Verhältnisse günstig an, doch dieses Objekt ist „teilweise sanierungsbedürftig“. Heißt: Es muss noch einmal ordentlich was reingesteckt werden. Das können viele Kaarster Familien einfach nicht bezahle  – und wollen es auch nicht.

Doch warum sind die Immobilien gerade in Kaarst so teuer? „Es gibt Faktoren, die nicht zu beeinflussen sind“, erklärt Axel Thurner, Landesdirektor NRW des Bundesverbandes für die Immobilienwirtschaft. Der Zinssatz hat sich im Zuge der Währungskrise 2008/2009 durchschnittlich von vier auf zwei Prozent halbiert, Geld leihen ist also viel günstiger geworden. „Die Nachfrage ist höher als das Angebot, folglich steigen die Preise. Wir haben derzeit einen Verkäufermarkt“, so Thurner.

Gleichzeitig sind die Baukosten seit 2009 um 25 Prozent gestiegen. „Wenn ich vor zehn Jahren eine Wand für 100 Euro gestrichen habe, muss ich heute dafür 125 Euro zahlen“, gibt Thurner ein Beispiel. Das bestätigt auch Christoph Bierholz, Architekt und Bauträger. „Die Explosion der Baukosten hat uns überrascht“, sagt er. Der dritte Faktor sind die Anforderungen der Energieeinsparverordnung an Wohngebäude. Das alles kann man nicht ändern. Was man allerdings ändern kann, sind die Ansprüche der Kunden. „Einige unserer Kunden suchen schon seit zehn Jahren eine Immobilie, finden aber keine, die ihren Wünschen entspricht“, sagt Thurner.

Die Nachfrage gerade im Rhein-Kreis Neuss ist in den vergangenen Jahren exponentiell gestiegen, weil die Preise für Immobilien in Düsseldorf, Mönchengladbach, Meerbusch oder auch Krefeld explodiert sind. Also wildern die Menschen aus diesen Regionen im Rhein-Kreis und damit auch in Kaarst. Durch ihr höheres Einkommen bringen sie andere Voraussetzungen mit. „Diese Menschen haben kein Problem mit den Preisen in Kaarst, weil sie in Düsseldorf 200 000 Euro mehr zahlen müssten“, erklärt Thurner: „Wir leben im Moment in einer Erbengeneration, die ist für die Verkäufer natürlich interessanter, weil die Abwicklung schneller geht“, sagt er. Gefragt sind natürlich auch Neubauten. In Kaarst schießen derzeit gefühlt an jeder Ecke neue Häuser aus dem Boden.

Elias Rayani von der Firma Rayani Immobilien erklärt, dass in den Großstädten Wohnraummangel herrsche und die Nachfrage deshalb nach Kaarst schwappe. „Von Kaiserswerth braucht man in die Düsseldorfer Altstadt genau so lange wie von Kaarst aus, deshalb sind die Preise hier so hoch“, sagt er. Rayani sieht in dem geringen Angebot an Grundstücken in Kaarst ein Problem. „Wir haben noch viele Flächen, die man entwickeln könnte. Da müsste die Stadt die Initiative ergreifen und regionale Unternehmen zusammen bringen“, sagt Rayani: „Wir haben nicht genug Bauland.“

An der Astrid-Lindgren-Straße baut Rayani gemeinsam mit einem Bauträger derzeit auf einem Areal von 1400 Quadratmetern Einfamilienhäuser. Diese waren bereits am Immobilientag im April verkauft. Insgesamt beträgt die Fläche dort 15 000 Quadratmeter. Die Entscheidung zu treffen, wer den Zuschlag erhält, fällt Rayani oft schwer. „Das ist ethisch manchmal schwierig“, sagt er. Er bekommt sogar schon ganze Bewerbungsmappen von Familien, die ein Haus kaufen wollen.

Auch Christoph Bierholz wollte Grundstücke an der Astrid-Lindgren-Straße haben, sein Angebot war aber nicht hoch genug. Jetzt werden die Häuser dort für 800 000 Euro verkauft. „Das ist die logische Konsequenz des Bieterverfahrens“, sagt Bierholz, der dieses Verfahren für Investoren sehr kritisch sieht. Im Jahr 2017/18 habe sich die Situation „dramatisch zugespitzt“. Weil es kaum noch Grundstücke gab, stieg der Preis für einen Quadratmeter um 1000 Euro an. „Das Bauen ist in Kaarst unbezahlbar geworden“, sagt Bierholz.

Die Stadt treibt die Preise offenbar zusätzlich in die Höhe, indem sie Grundstücke an Investoren über dem Bodenrichtwert verkauft. Doch diesen Vorwurf streitet die Stadt ab.

„Die Stadt Kaarst handelt rechtskonform und exakt in der gleichen Art und Weise, wie alle anderen Kommunen auch“, erklärt Kämmerer Stefan Meuser. Es sei allerdings richtig, dass der Immobilienmarkt in Kaarst angespannt ist und entsprechend der Marktpreis in den vergangenen Jahren reagiert hat. „Diese Entwicklung ist jedoch eine Frage des Standorts, nicht der Wahl des Verfahrens, welches uns vom Gesetzgeber vorgegeben wird“, so Meuser.

Er verweist zudem auf die Vergabe von städtischen Grundstücken im Bewerberverfahren. „Dort legt die Stadt den Bodenrichtwert an, um den Kaufpreis des Grundstücks festzulegen. Die Auswahl der Bewerber erfolgt ausschließlich nach sozialen Kriterien. Wir wollen damit vor allem Familien mit Kindern die Möglichkeit des Grundstückserwerbs geben“, sagt Meuser. Die Stadt Kaarst veräußert städtische Grundstücke an Investoren unter Beachtung der rechtlichen Rahmenbestimmungen. Dabei ist sicherzustellen, dass sich der Verkaufspreis am Marktpreis orientiert, welcher stets im Vorfeld ermittelt wird. Neben dem Kaufangebot sind städtebauliche Aspekte, die Architektur, Freiraumplanungen oder Nutzungskonzepte weitere Kriterien für die Grundstücksvergabe. „Auf Grundlage dieser Bewertung entscheidet dann die Politik über den Verkauf des Grundstücks“, teilt die Stadt mit.