Kaarst: Als Kaarst Marktführer bei Frühkartoffeln war

Leben in den 1920er Jahren : Privater Nachlass erzählt Kreis-Geschichte

Hans Adalbert Zippelius war in den 1920er Jahren Kreisgartenbauinspektor. Sein Enkel hat dem Kaarster Stadtarchiv den kompletten Bestand zur Verfügung gestellt. Für Archivar Sven Woelke ist das ein echtes „Highlight“.

Im Jahr 2010 ging es los. Vor neun Jahren hat der Enkel von Hans Adalbert Zippelius damit begonnen, den Nachlass seines Großvaters dem Stadtarchiv zu übergeben. In mehreren Etappen kamen bis heute insgesamt 59 Einheiten bei Sven Woelke, Leiter des Kaarster Stadtarchivs, an. Für ihn ist dieser Nachlass ein „Highlight“. „Ein solcher Nachlass, in dem quasi der komplette Berufsweg geschildert wird, ist sehr, sehr selten“, sagt Woelke. „Er zeigt in einer seltenen Buntheit das Wirken des Kreisgartenbauinspektors, der sehr viel dafür getan hat, den Kaarstern sein Wissen über den Gartenbau und den Gemüseanbau im eigenen Garten zu vermitteln“, sagt Woelke.

Hans Adalbert Zippelius wurde 1874 in Obernburg am Main geboren und wuchs in Würzburg auf. Über Elsass-Lothringen zog es den studierten Botaniker und Pflanzenzüchter noch vor dem Ersten Weltkrieg mit seiner Ehefrau Wilhelmine ins Ruhrgebiet. Während des Krieges arbeitete Zippelius für einen Düsseldorfer Gartenarchitekten und ließ sich um 1920 in Kaarst nieder. „Bis jetzt wurde immer angenommen, dass er ein Kriegsvertriebener war, aber er ist schon vor dem Ersten Weltkrieg hierher gekommen. Er war kriegsuntauglich“, erklärt Marius Hoppe, studentische Hilfskraft im Kaarster Stadtarchiv, der im Januar damit begonnen hat, den Nachlass zu sortieren. Nach dem Krieg war die Situation auf dem Land kritisch: Die jungen Leute sind im Krieg gefallen, wodurch Arbeitskräfte und Erbnachfolger fehlten. Durch die Produktion für den Krieg lag die Landwirtschaft brach. Der Kreis Neuss musste sich überlegen, wie er die Landwirtschaft wiederbeleben kann. „Er hat dann einen Wanderlehrer für Obst- und Gartenbau angestellt. Und das war Hans Adalbert Zippellius“, sagt Marius Hoppe. Zippelius sollte die Bauern beim Obst- und Gemüseanbau unterstützend beraten. „Er ist wirklich im ganzen Gebiet von Garten zu Garten gewandert und hat Fortbildungen gegeben“, erklärt Hoppe. Dies alles ist aus dem Nachlass seines Enkels Hans Bernhard ersichtlich und mit Dokumenten, Zeugnissen, biographischen Unterlagen und riesigen Fotodokumentationen belegt.

Unter Zippelius’ Regie stabilisierte sich die Landwirtschaft

Später stellte der Kreis Neuss Zippelius am Kaarster Bahnhof an der Neersener Landstraße ein Grundstück mit Garten zur Verfügung gestellt, den er auch als Lehrgarten nutzte. Die Einstellung Zippelius’ erwies sich für den Kreis Neuss als Glücksgriff: Unter seiner Regie stabilisierte sich die Landwirtschaft. Mehr noch: Sie stieg sogar weiter an mit der Zeit. Im Jahr 1924 legte er die Prüfung zum Kreisgartenbauinspektor an und arbeitete dann in dieser Position für den Kreis. Vor allem mit dem Anbau von Kartoffeln hat er sich beschäftigt. Die Bauern konnten mit ihren Vertriebswegen nicht mehr so viel absetzen, wie sie produziert haben. Doch dann führte Zippelius in der Region das sogenannte „Kaarster Veiling“ ein: Eine Kartoffelversteigerung. „Es gab am Kaarster Bahnhof eine Versteigerungshalle, wo die lokalen Bauern ihre Kartoffeln an die Meistbietenden versteigerten“, sagt Hoppe.

Dies hat einen enormen Absatzboost gebracht, sodass Kaarst Ende der 1920er Jahre deutscher Marktführer für Frühkartoffeln war. „Die Kaarster Frühkartoffel war damals schon eine Marke“, sagt Marius Hoppe. Im Jahr 1931 setzte sich Hans Adalbert Zippelius zur Ruhe – ganz aufhören konnte er aber nicht. Er gab weiterhin Fortbildungskurse in der Kaarster Gemeinde und blieb seinen Verpflichtungen treu. „Er wurde von allen möglichen Gärtnerverbänden ausgezeichnet, das ist auch mit Urkunden belegt“, sagt Marius Hoppe. Wenige Jahre vor seinem Tod wurde Zippelius noch zum Ehrenvorsitzenden des Stadtverbandes der Kleingartenvereine in Neuss ernannt. 1954 starb Hans Adalbert Zippelius in seiner neuen Heimat Kaarst.

Seinem Enkel fiel es schwer, den Nachlass an das Stadtarchiv zu geben. „Auf der einen Seite wollte er die Unterlagen gut erhalten wissen, auf der anderen Seite wollte er der Öffentlichkeit die Geschichte zur Verfügung stellen“, sagt Sven Woelke. Er ist froh, dass dieser Nachlass nun im Stadtarchiv zu finden ist. „Dieser Familiennachlass ist einzigartig, weil er eine inhaltliche Aussagekraft hat und unheimlich viel Anschauungsmaterial bietet. Es ist für uns eine sehr wichtige Ergänzung zu den amtlichen Beständen und leistet einen großen Beitrag zu der Kaarster Ortsgeschichte in den 1920er Jahren.“

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