Kaarst: 76-Jähriger behauptet in Prozess, er wurde von Polizisten überfallen

Kurioser Prozess in Neuss : „Raub“: Rentner beschuldigt Polizei

Das Gericht will die Schuldfähigkeit eines 76-Jährigen prüfen lassen, der behauptet, Polizisten hätten ihn beraubt.

. Alles begann Ende Oktober 2017: Damals waren der Angeklagte und ein 35-jähriger, den er seinen Sohn nennt, nachts kurz vor der A 57-Ausfahrt Büttgen von einem Streifenwagen kontrolliert worden. „Die Beamten hatten zuvor Kenntnis von einem Einbruch erlangt“, so Richter Gerhard Thelen. Tatsächlich wurden die Ermittler im Auto der Duisburger fündig: Neben einer Brechstange lagen weiteres einbruchstypisches Werkzeug, Funkgeräte und eine Sturmhaube im Kofferraum. Die Sachen wurden sichergestellt, die Beamten fuhren zur Wache nach Kaarst.

Für den Rentner stellte sich das Geschehen anders da. „Wir sind beraubt worden, von der Polizei, auf offener Straße“, empörte sich der 76-Jährige im Neusser Amtsgericht, „die haben uns mit vorgehaltener Pistole gestoppt und sind dann geflüchtet.“ Geradezu halsbrecherisch habe er die „Verfolgung“ aufgenommen: „Der Wagen der Polizei ist mit 200 Sachen losgerast, aber ich kann auch gut Auto fahren, ich bin drangeblieben. Mein Sohn hat sogar in die Hose gepinkelt, so sind wir über rote Ampeln gerast“, gab der frühere Betreiber eines Schlüsseldienstes zu.

Nach neun Kilometern habe die Polizei vor der Wache in Kaarst angehalten. Dort habe man ihm ein Protokoll ausgehändigt, auf dem die sichergestellten Dinge vermerkt waren. „Glauben Sie wirklich, das war ein Überfall?“, wollte Richter Thelen wissen, „ein Räuber würde Ihnen doch nicht seinen Namen nennen und eine Liste übergeben.“ Doch der Angeklagte blieb bei seiner Version.

Der Rentner habe Tausende
Faxe an die Polizei geschickt

In jedem Fall hatte die Polizei mit der Kontrolle eine Lawine losgetreten: „Ich wollte meine Sachen wiederhaben, die waren ja 1500 Euro wert.“ Deshalb habe er über 2000 Faxe an die Polizei und den beteiligten Kriminalhauptkommissar geschickt. Nach diversen Beleidigungen wurde es diesem zu bunt – er erstattete Anzeige.

Auch Polizeichef Hans-Jürgen Petrauschke bekam sein Fett weg. „Ihn habe ich mit den Worten ,Sehr geehrter paranoider Herr Petrauschke’ angeschrieben“, räumte der 76-Jährige freimütig ein. Die Flut von Schreiben gipfelte darin, dass der Duisburger aus Sicht der Staatsanwaltschaft die Polizei nötigen wollte, entweder kurzfristig 1500 Euro zu überweisen oder sein Eigentum herauszugeben. Auch mussten sich diverse Telekommunikations-Unternehmen mit dem Fall befassen. „Ich bin sicher, dass ich abgehört werde“, erklärte der Angeklagte, „O2 und die Telekom waren diverse Male hier, haben aber nichts gefunden. Sie meinten, die Störungen beim Telefonieren müssten eine andere Ursache haben. Das kann nur eine Telefonüberwachung sein.“

Nach rund einer Dreiviertelstunde wurden Richter Thelen die Schilderungen zu bunt – er erklärte, er wolle dem ohne Anwalt erschienenen 76-Jährigen einen Pflichtverteidiger beiordnen. „Auch habe ich vor, ein Gutachten einzuholen“, kündigte Thelen an. Der Rentner soll nach dem Willen der Justiz auf seinen Geisteszustand und seine Schuldfähigkeit untersucht werden. Mit dem Ausgangspunkt der Polizeikontrolle hat der Mann offenbar nichts zu tun – der Einbruch konnte ihm trotz des sichergestellten Werkzeugs nicht nachgewiesen werden, die Vorwürfe wurden fallengelassen. Red

(NGZ)
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