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Gau macht noch heute viele Kinder krank

Gau macht noch heute viele Kinder krank

Die Tschernnobyl-Hilfe Kaarst-Büttgen bereiste das verstrahlte Weißrussland. Mit dabei: Der Neersener Erich Bieber.

Kaarst/Neersen. Chronische Krankheiten, bittere Armut, schlechte Entwicklungschancen für die Kinder — viele Familien im verstrahlten Weißrussland stehen am Rand der Verzweiflung. Die frühere Sowjetrepublik war und ist stärker vom Tschernobyl-Fallout betroffen als jedes andere Land einschließlich der Ukraine, dem Standort des Katastrophenreaktors. Trotz massenhafter Umsiedlungen leben bis heute in Weißrussland 1,3 Millionen Menschen in verseuchten Gebieten, darunter 500 000 Kinder und Jugendliche. „Unsere Hilfe macht für die Familien einen Riesenunterschied“, berichtet Anni Müller, Vorsitzende der Ökumenischen Tschernobylhilfe Kaarst-Büttgen, von ihrer jüngsten Reise nach Weißrussland. „Die Familien und Heimkinder, die wir regelmäßig mit Sachspenden und Spezialprodukten unterstützen, sind überwältigt von Dankbarkeit.“

Insgesamt waren es acht Vereinsmitglieder, darunter der Neersener Erich Bieber, die mit dem Kleinbus in die 1750 Kilometer entfernte Hauptstadt Minsk aufbrachen. Sie wollten die Familien und Heime besuchen, die jeden Monat eine Hilfslieferung erhalten. „Kinderkleidung, Spielzeug und medizinische Hilfsmittel wie Rollstühle werden nach wie vor gebraucht“, sagt Müller.

Das Land habe sich von dem Gau noch längst nicht erholt — im Gegenteil. „Die Atomstrahlung macht vor allem die Nachkommen derer krank, die 1986 betroffen waren.“ Hinzu komme, dass viele Familien nur geringe Einkommen erwirtschafteten, weil sie nach der Umsiedlung ganz von vorn beginnen mussten oder ihre Arbeitskraft durch chronische Krankheiten geschwächt sei.

Die Ökumenische Tschernobylhilfe Kaarst-Büttgen ist seit 21 Jahren aktiv; etliche Vereinsmitglieder der ersten Stunde sind auch heute noch dabei. „Über all die Jahre hinweg sind enge Patenschaften entstanden, die den Alltag unserer Freunde in Weißrussland verbessern und ihnen Hoffnung geben“, sagt Anni Müller.

Seit 2009 gilt die Sorge des Vereins auch Kindern, die an der erblichen Stoffwechselerkrankung Phenyketonurie (PKU) leiden. PKU macht eine strikt eiweißarme Kost erforderlich, damit sich die Kinder normal entwickeln können. Die entsprechenden Diätlebensmittel sind in Weißrussland nicht verfügbar.

Der Neersener Erich Bieber kümmert sich daher gezielt um Geld- und Sachspenden, damit die kleinen Patienten die Spezialprodukte erhalten, die sie unbedingt brauchen. Während der Weißrusslandreise traf er sich mit den Empfängerfamilien. „Die Eltern wissen gut über die Erkrankung ihrer Kinder Bescheid und lassen regelmäßig ihren Zustand kontrollieren. Ihren Kindern geht es deutlich besser, seit sie die Diätprodukte aus Deutschland erhalten“, erzählt er. Die Spender, die diese wichtige Versorgung möglich machten, seien namhafte deutsche Herstellerfirmen. Weitere Unternehmen und Organisationen, darunter die Diakonie Willich, helfen dem Verein, die Spezialprodukte zu erwerben.

Die weißrussische Botschaft schätzt die unentgeltliche Hilfe sehr. Botschafter Andrei Giro empfing deshalb vor kurzem die Vereinsvorsitzende Anni Müller in Berlin.