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DDR-Fluchthelfer Burkhart Veigel: „Freiheit wichtiger als das Leben“

DDR-Fluchthelfer Burkhart Veigel: „Freiheit wichtiger als das Leben“

DDR-Fluchthelfer Burkhart Veigel hielt einen spannenden Vortrag in der VHS.

Kaarst. Auf Einladung der Kaarster CDU hielt am Montag der Mediziner und Schriftsteller Burkhart Veigel einen Diskussionsvortrag im Foyer der Kaarster Volkshochschule.

Burkhart Veigel war zur Zeit des Baus der Berliner Mauer Medizinstudent an der Berliner Universität. Viele seiner Studienfreunde lebten im Ostteil der Stadt und durften von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Uni gehen. Dieser Umstand machte den damals 23-jährigen Veigel wütend.

„Freiheit war damals für uns noch wichtiger als unser Leben. Wer die Freiheit meiner Freunde beschnitt, bedrohte auch meine Freiheit. Mich befiel urplötzlich eine große Wut auf das sozialistische Regime der DDR“, erinnert sich der Orthopäde im Ruhestand.

Die Wut war sein Antrieb, sich ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit als Fluchthelfer zu engagieren. Bewegt schilderte er den Zuhörern die Umstände, unter denen er und seine Kommilitonen es über Jahre hinweg schafften, die Sicherheitsvorkehrungen der Stasi zu überlisten und 650 Menschen den Weg in den Westen zu ermöglichen.

So sei der Beginn seiner Fluchthelfertätigkeit relativ einfach gewesen. Mit geliehenen Pässen von Westberlinern konnten die ersten Flüchtlinge problemlos die Grenzposten passieren. „Nach nur neun Tagen war es damit vorbei. Ab dem 23. August 1961 durften nur noch Bürger aus Westdeutschland die DDR besuchen, Westberliner ab diesem Tag nicht mehr“, erklärt Veigel.

Je enger die Kontrollen der DDR wurden, umso erfindungsreicher agierten die Westberliner Studenten der Fluchthelferorganisation. Zunächst wurden westdeutsche Pässe über die Grenze geschmuggelt, später erhielten die Fluchthelfer 1100 Pässe von ausländischen Studenten und sogar Blanko-Dokumente aus der Schweiz und Belgien.

Die Papiere hielten nach ihrer „Umgestaltung“ tatsächlich den gründlichen Kontrollen der Grenzposten stand. „Wir entwickelten uns zu Profifälschern“, so Veigel.

Bis Anfang 1967 sei diese „Pass-Flucht“ gut gelaufen, doch die DDR setzte dem durch den Einsatz von Laufzetteln ein Ende. Es blieb danach nur noch die Möglichkeit, per Zug Flüchtlinge nach Dänemark außer Landes zu schaffen. Doch das war mit 2000 D-Mark sehr teuer.

Für Veigel und seine Mitstreiter stellte das jedoch keinen Grund dar, aufzuhören: „Wir machten Schulden. Ich selbst hatte nach meinem Studienabschluss 50 000 Mark Schulden, ein Freund sogar 100 000. Aber wir dachten, der deutsche Staat würde uns dieses Geld zurückgeben.“ Veigel war bis 1970 an 650 Fluchthelfereinsätzen beteiligt und gilt als erfolgreichster Fluchthelfer überhaupt.

Auch heute, 23 Jahre nach dem Fall der Mauer, erinnert er als Aufklärer an die Anfänge der deutsch-deutschen Geschichte aus einem ganz besonderen Blickwinkel. Veigel hält rund 60 Vorträge im Jahr und liebt es, vor Schülern zu referieren — so auch noch am Vormittag am Georg-Büchner-Gymnasium.