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Wellershoff: Erinnerungen an Grevenbroich

Wellershoff: Erinnerungen an Grevenbroich

Der Schriftsteller trug sich ins Goldene Buch ein und erzählte, wie er die Stadt im Dritten Reich als Schüler erlebt hat.

Grevenbroich. Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren, „doch in Grevenbroich hat sich meine Persönlichkeit entfaltet“, sagt der Schriftsteller. Anlässlich des 700. Stadtjubiläums stattete Wellershoff dem Ort seiner Kindheit einen Besuch ab, trug sich in der Villa Erckens in das Goldene Buch ein und hielt am Abend in dem Museum eine Lesung.

Der 85-Jährige hat noch gute Erinnerungen an Grevenbroich, „an die Erft und besonders an den Bend“, erzählte der Heinrich-Böll-Preisträger Bürgermeisterin Ursula Kwasny. Als Wellershoff bis 1943 — damals wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen — in Grevenbroich lebte, hatte die Stadt noch knapp 8.000 Einwohner, heute sind es 64.000. Und auch dass die Stadt sich inzwischen als weltweiter Energielieferant einen Namen gemacht hat, war dem berühmten Essayisten und Literaturkritiker nicht bewusst.

Nach Kriegsende holte Wellershoff in Grevenbroich das Abitur nach. Über diese Zeit verfügt der Schriftsteller noch einen erstaunlich detaillierten Erinnerungsschatz. Vor allem mit dem ehemaligen Rektor Retsch ist der damals an der Uhlhornstraße wohnhafte Schüler aneinandergeraten.

Ein Beispiel: „Ich bin mit einem Freund und zwei Mädchen spazieren gegangen. Wir haben geknutscht. Ein Vater hat sich bei der Schulleitung beschwert und wir wurden zum Verhör bestellt. Mein Freund gestand, ich zuerst nicht. Da fuhr Retsch härtere Geschütze auf, meinte etwa, ein Junge, der so viel lügen würde wie ich, gehöre nicht an ein Gymnasium. Da gestand auch ich.“

Auch von seiner Schulzeit vor dem Krieg wusste der Gast einiges zu berichten. Schläge seien zum Beispiel gang und gäbe gewesen. „Wenn man eine Rechenaufgabe nicht schnell genug lösen konnte, gab es was mit dem Lineal auf die Finger. Nur wer in der Jungvolk-Uniform in der Schule erschien, wurde in Ruhe gelassen “, so Wellershoff.

Positive Erinnerungen hatte er an seinen Lateinlehrer — auch wenn es ihm erst Jahre später bewusst wurde, auf welch dünnem Eis sich der Pädagoge bewegte. „Der schimpfte immer wie ein Rohrspatz über Caligula und Nero. Erst Jahre später ist mir klar geworden: Der meinte eigentlich Hitler.“