Hydro streicht hunderte Stellen in Grevenbroich

Schock für die ganze Belegschaft : Hydro schockt die Belegschaft

Bei Hydro Rolled Products sollen hunderte Jobs gestrichen werden. Fast 500 davon in Grevenbroich, befürchtet der Betriebsrat.

Die Nachricht löst einen Schock in der Region aus: Hydro streicht mehr als 700 Arbeitsplätze. Rund 350 Stellen sollen allein in Grevenbroich wegfallen. Der Betriebsrat geht davon aus, dass am Standort weitaus mehr Jobs auf der Kippe stehen könnten. Durch den Stellenabbau will das Unternehmen pro Jahr rund 60 Millionen Euro Personalkosten einsparen.

Hydro begründet die Entlassungen mit „enttäuschenden finanziellen Ergebnissen“ des Walzgeschäftes in den vergangenen Jahren. „Wir werden deshalb umfassende Maßnahmen ergreifen, um die Profitabilität zu verbessern“, sagt Einar Glomnes, Vizepräsident von Hydro Rolled Products. Die Kosten in Teilen der Folien-Produktion seien zu hoch, die Prozesse dort zu personalintensiv und weitgehend manuell. Zudem sei der Wettbewerb in diesem Segment sehr stark. „Deshalb planen wir, den Folien-Hauptbetrieb zu schließen“, sagt Glomnes. Bereits vor einem Jahr hatte Hydro den Ausstieg aus dem Veredelungs-Geschäft in der Folie zum 31. Dezember 2019 bekannt gegeben.

Mit der Personalkosten-Einsparung ist laut Hydro konzernweit ein Abbau von bis zu 735 Vollzeitstellen verbunden. Darunter 226 Jobs im Folien-Hauptbetrieb sowie 117 weitere in der Veredelung im Grevenbroicher Werk. Weitere Maßnahmen zur Effizienzsteigerung sollen folgen, kündigte der Konzern an.

Im Werk in Grevenbroich sind etwa 1900 Mitarbeiter beschäftigt

Die Belegschaft ist geschockt: „Die Mitarbeiter verstehen die Welt nicht mehr – Wut und Angst sind groß“, sagt Andrea Büttner, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Die Arbeitnehmervertretung befürchtet, dass in Grevenbroich fast 500 Arbeitsplätze abgebaut werden. Im Werk sind rund 1900 Mitarbeiter beschäftigt. Zusätzlich zur Schließung des Folien-Hauptbetriebs schätzt der Betriebsrat, dass im Rahmen der angekündigten Kosteneinsparungen weitere mehr als 200 Arbeitsplätze wegfallen. „Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen“, sagt Büttner. Die Betroffenheit war auch am Mittwoch Nachmittag nach der Mitgliederversammlung mit rund 1000 Teilnehmern spürbar. „Viele Kollegen haben Existenzängste, etwa wenn sie ein Haus gekauft haben“, sagt Betriebsratsvorsitzender Heinz Höhner. Die Versammlung sei sehr emotional gewesen. Zunächst habe Totenstille geherrscht, als Einar Glomnes und Werksleiterin Reinhild Schmidt die Belegschaft informierten. Danach gab es, wie Betriebsrat Gerd Roth schildert, Rufe wie: „Was macht Ihr mit uns?“, „Wie geht es weiter?“. Der Konzern erkläre, dass er in den Standort investieren wolle, „dann soll er dabei alle mitnehmen“, betont Heinz Höhner. „Wir vermissen eine Strategie.“ Für Donnerstag ist eine außerordentliche Betriebsratsversammlung anberaumt.

Hydro will betriebsbedingte Kündigungen vermeiden, sagte Sprecher Moritz Rank nach der Betriebsversammlung. Geplant ist ein Freiwilligen-Programm mit Vorruhestands-, Altersteilzeit- und Abfindungs-Modellen. Über Details soll nun im Rahmen der Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern gesprochen werden. „Wir werden sobald wie möglich in die Gespräche einsteigen“, kündigte Rank an.

Mit dem angekündigten Stellenabbau „knickt das Unternehmen vor den kurzfristigen Erwartungen der Anteilseigner und Finanzmärkte ein“, kritisierte Volker Consoir, Geschäftsführer der IG Metall Düsseldorf-Neuss. Der Verlust von Arbeitsplätzen sei bitter, kommentierte Landrat Hans-Jürgen Petrauschke. Der Job-Abbau müsse sozial ausgewogen erfolgen, fordert der Landrat, der in Gesprächen mit der Hydro-Werksleitung ist. Wichtig sei, dass Perspektiven für Beschäftigte und den Wirtschaftsstandort erarbeitet würden. Auch Bürgermeister Klaus Krützen hat Kontakt mit Hydro aufgenommen und die Frage nach einem Sozialplan gestellt. „Das werde ich auch weiterverfolgen“, kündigte er an. Die Wirtschaft sei derzeit hochnervös, die Debatte um den Kohleausstieg führe zu erheblicher Verunsicherung, gerade bei stromintensiven Unternehmen.

„Stromintensive Unternehmen brauchen Verlässlichkeit und Planbarkeit bei der Energie- und Klimapolitik“, sagte Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein. Er gibt sich aber zuversichtlich, dass viele der betroffenen Mitarbeiter in der Region eine neue Beschäftigung finden werden. „Eine ganze Reihe unserer Betriebe sucht händeringend gut ausgebildete
Fachkräfte.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung