Grevenbroich: Fahrlehrer Stefan Fücker spricht über hohe Durchfallquote bei Fahrschülern

Grevenbroicher Fahrlehrer über hohe Durchfallquote : „Den Schülern fehlt Verkehrspraxis“

Interview Der Grevenbroicher Fahrlehrer zu den Ursachen, warum bundesweit viele Schüler durch die Prüfung zum Führerschein fallen.

Stefan Fücker ist seit 32 Jahren Fahrlehrer, seine Fahrschule ist in Grevenbroich. Fahrschüler aus dem gesamten Rhein-Kreis Neuss kommen zu ihm. Etwa 3500 Fahrschüler hat er bei ihren Prüfungen begleitet.

Herr Fücker, die Durchfallquote bei der Führerscheinprüfung ist hoch. Einige Fahrlehrer sagen, das liege daran, dass es mehr nicht-deutschsprachige Schüler gibt. Sie hätten Sprachprobleme und eine andere Verkehrskultur.

Stefan Fücker: Wir müssen da natürlich unterscheiden. Schüler, die nicht so gut Deutsch sprechen, sind hier im Umkreis eher gering. In Ballungsgebieten mag das Problem natürlich deutlich größer sein.

Also ist es ein Unterschied, ob man den Führerschein in städtischen oder ländlichen Gebieten macht?

Fücker: Die Prüfung in Köln zu machen, hat sicher einen anderen Anspruch als in Grevenbroich. Man muss auch sagen, dass hier im Rhein-Kreis Neuss die Durchfallquote in der Theorie bei knapp 30 Prozent und in der Praxis bei zehn Prozent liegt. Das ist deutlich weniger als der bundesweite Durchschnitt.

Sie sind seit 32 Jahren Fahrlehrer. Was hat sich über die Jahre geändert?

Fücker: Prinzipiell ist die Prüfung nicht schwieriger geworden. Früher war nicht alles besser, aber anders. Heute gibt es für die Jugendlichen ein Überangebot an Freizeitaktivitäten. Früher war hier einmal im Jahr Schützenfest und das war’s dann. Es blieb mehr Zeit, um sich mit dem Führererschein auseinanderzusetzen. Heute passiert das eher nebenbei. Das macht sich in den Ergebnissen bemerkbar.

Ein verändertes Freizeitverhalten ist also der Grund für eine höhere Durchfallquote?

Fücker: Prinzipiell kann man sagen, dass die Durchfallquote mit der Motivation zusammenhängt. Wer den Führerschein wirklich haben möchte, weil er ihn für die Freizeit braucht oder weil er auf dem platten Land lebt, der besteht ihn auch auf Anhieb. Wer es nicht anders kennt, dass er jeden Morgen zur Kita und zur Schule gefahren wurde, der kann auch drei Mal durchfallen. Aber ja, auch das Freizeitverhalten hat sich geändert. Fragen Sie mal einen Jugendlichen, wann er zuletzt von Neuss nach Rommerskirchen mit dem Rad gefahren ist. Das sind die Wenigsten. Früher war das ganz normal.

Welche Fähigkeiten gehen dadurch verloren?

Fücker: Den Schülern fehlt es an eigener Verkehrspraxis. Auch an passiver. Wenn ich einen Oberstufenschüler frage, ob er mich zum Neusser Bahnhof fährt, fährt er erst einmal nach Hause und von dort aus zum Bahnhof. Den Jugendlichen fehlt das diagonale Denken.

Sie sprachen gerade von passiver Verkehrspraxis. Was heißt das?

Fücker: Die Schüler achten als Beifahrer nicht auf den Verkehr. Wenn ich mit ihnen von Gustorf nach Neuenhausen fahre, wissen sie teilweise nicht mehr, wo sie sind. Oder, wenn ein anderer Fahrschüler einsteigt, dann achten sie nicht darauf, wie der andere Schüler fährt und was er selbst vielleicht besser machen kann. Die Jugendlichen sitzen noch nicht ganz auf der Rückbank, da haben sie schon ihr Smartphone in der Hand und gucken auf den Bildschirm.

Eine Psychologin meinte, dass Fahrlehrer anders geschult werden müssten.

Fücker: Da habe ich drauf gewartet. Wir sind alle vier Jahre auf einer dreitägigen Fortbildung und werden dort pädagogisch geschult. Die gesamtgesellschaftliche Situation hat sich einfach verändert. Ich erlebe oft, dass Schüler im Fahrschulbereich das erste Mal ein „Nein“ hören. Wenn man im Auto einen entscheidenden Fehler macht, kann es Leben kosten. Da kann ich nicht sagen: „Die Fünf gleiche ich mit einer Drei Plus wieder aus.“

Ist es eigentlich so, dass immer weniger Schüler einen Führerschein machen?

Fücker: Im Gegenteil. Wir erleben einen riesigen Boom und haben eher Schwierigkeiten, ausreichend Personal zu finden. Momentan sind wir zu dritt. Es waren starke Geburtenjahrgänge. Generell kann man aber sagen, dass es weniger Fahrschulen gibt, dafür aber größere. Es mangelt an Fachkräften.

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