Jüdisches Leben in Grevenbroich Englische Künstlerin besucht im Museum die Ausstellung über ihre Mutter

Grevenbroich · Joan Noble, Tochter einer Shoah-Überlebenden aus Grevenbroich, besucht eine Ausstellung über ihre Mutter.

Besuch im Museum: (v.l.) Joan Noble mit Ehemann Steve, Stadtarchivarin Cornelia Schulte und Ulrich Herlitz vom Geschichtsverein.

Besuch im Museum: (v.l.) Joan Noble mit Ehemann Steve, Stadtarchivarin Cornelia Schulte und Ulrich Herlitz vom Geschichtsverein.

Foto: Wiljo Piel/wilp

Für Joan Noble war es nicht der erste Besuch in Grevenbroich – aber sicherlich der beeindruckendste. Am Mittwoch fand sich die Künstlerin aus der britischen Region „Greater London“ in der Villa Erckens ein, um mit ihrem Mann Steve eine Ausstellung im Obergeschoss des Museums zu besuchen. Schüler des Pascal-Gymnasium setzen sich dort zum einen künstlerisch mit dem Holocaust auseinander, zum anderen reflektieren sie das Leben des jüdischen Mädchens Liesel Katz – der in Grevenbroich geborenen Mutter von Joan Noble.

Liesel Katz hatte als Schülerin ein Tagebuch geführt, das bis heute erhalten blieb und einen Teil der Ausstellung ausmacht. „Es sind eindrucksvolle Zeilen, die uns hinterlassen wurden“, sagt Ulrich Herlitz, Vorsitzender des Geschichtsvereins. Die damals 16 Jahre alte Liesel schrieb über Alltagsdinge einer Teenagerin, zunächst über den Besuch im Kino, den Karneval im Rheinland und die erste Liebe – später beherrschten die Nationalsozialisten und deren Übergriffe auf jüdische Bürger die Diary-Zeilen der Schülerin. Auch Liesel selbst wurde Opfer eines Angriffs von SA-Angehörigen, die mit Pistolen bewaffnet in das Haus ihrer Eltern an der Orkener Straße eindrangen.

Joan Noble hat für die Ausstellung sowohl das Tagebuch als auch historisches Fotomaterial aus dem Familienalbum zur Verfügung gestellt. Von dem Ergebnis zeigt sie sich begeistert: „Wunderbar, dass die jungen Leute die Erinnerung an diese Zeit wachhalten.“ Dieses und weitere Schüler-Projekte in Grevenbroich haben die Künstlerin zu einer eigenen Initiative in ihrem Heimatland inspiriert: Sie engagiert sich bei „Generation 2 Generation“, um Nachkommen von Holocaust-Überlebenden der zweiten und dritten Generation die Möglichkeit zu geben, ihre Familiengeschichte einem breiten Publikum zu präsentieren.

Liesel Katz entkam den Gräueltaten der Nazis. Unterstützt mit 12.500 Reichsmark ihres Vaters floh sie nach Palästina und eröffnete dort später ein Handarbeitsgeschäft. Ihren Eltern Alexander und Elfriede gelang zunächst die Flucht über Belgien nach Frankreich, wo sie aber von ihren Häschern 1942 festgesetzt und nach Auschwitz deportiert wurden.

Die beiden Gäste aus England besuchten am Vormittag das Stadtarchiv und sichteten dort gemeinsam mit Stadtarchivarin Cornelia Schulte historische Dokumente aus den 30er Jahren. Am Nachmittag trafen sich die Nobles mit Schülern auf dem jüdischen Friedhof. „Christen, Muslime und Joan als Jüdin haben gemeinsam gebetet“, sagt Ulrich Herlitz. „Das hat einmal mehr eindrucksvoll gezeigt, wie man Gemeinschaft unabhängig von Religionen leben kann.“

Erst vor wenigen Tagen hatten Besucher aus den USA die Ausstellung im Museum besichtigt: Ron Cohen aus Colorado, ein Großcousin von Liesel Katz, begab sich mit seiner Frau Patti Hill auf Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte.