Grevenbroich: Alt-Neurath geht schon Ende 2022 vom Netz

Der Kohleausstieg und die Auswirkungen auf Grevenbroich : Alt-Neurath wird Ende 2022 abgeschaltet

Nun herrscht Klarheit. Bis Ende 2022 sollen sämtliche Blöcke an der Energiestraße abgeschaltet werden.

Das alte Neurather Kraftwerk wird früher als geplant vom Netz gehen: Bis Ende 2022 sollen sämtliche Blöcke an der Energiestraße abgeschaltet werden – mit Ausnahme der beiden 2012 in Betrieb genommenen BoA-Anlagen mit jeweils 1000 Megawatt. Sie laufen weiter bis zum Jahr 2038. Gemeinsam mit der BoA in Niederaußem werden sie ab 2030 die letzten Braunkohleblöcke im Revier sein, die noch Strom produzieren. Die beiden Standorte werden ab dann nur noch vom Tagebau Garzweiler versorgt, der weiter in den Grenzen der Leitentscheidung aus dem Jahr 2016 betrieben werden soll. Das ist ein Ergebnis der Bund-Länder-Einigung zum Kohleausstieg.

Im Herbst 2021 endet die Ära des Frimmersdorfer Kraftwerks. Dort werden wie geplant die letzten 600-Megawatt-Blöcke P und Q außer Betrieb genommen. Nach einem internen Papier sollen die 300-Megawatt-Blöcke A und B in Neurath am 31. Dezember 2021 abgeschaltet werden, die 600-Megawatt-Anlagen D und E sollen ein Jahr später folgen. Block C (300 MW) ist schon seit 2019 in der Sicherheitsbereitschaft. Schon in diesem Jahr soll im Revier der erste 300-MW-Block abgeschaltet werden. Die frühzeitig beginnende Kapazitätsreduzierung wird „zu einem signifikanten Personalabbau“ führen, kündigt RWE-Vorstandsvorsitzender Rolf Martin Schmitz an. Er geht davon aus, dass kurzfristig mehr als 3000 Stellen wegfallen werden – „bis 2030 werden es 6000 sein“. Der Ausstieg soll sozialverträglich gestaltet werden, bis 2043 soll das Anpassungsgeld gezahlt werden, das es für Beschäftigte ab 58 Jahren gibt und das der Staat übernimmt.

Die Reaktion aus Grevenbroich: Der Fahrplan für den Kohleausstieg sei zwar ein Bruch für die Region, gleichzeitig aber auch eine Chance, „die Industrie von morgen zu uns zu holen“, sagt Bürgermeister Klaus Krützen. Er kündigt an, dass die Stadt die Planungen zur künftigen Nutzung der Kraftwerks-Areale in Frimmersdorf und Neurath nun vertiefen werde. Ziel sei es, neue Unternehmen und somit Arbeitsplätze zu gewinnen. „Das muss schnell gehen“, macht Krützen deutlich. „Dafür benötigen wir Geld, Personal und Vereinfachungen in Planverfahren.“ Vor allem aber müsse RWE schnell deutlich machen, „dass es seiner Verpflichtung gegenüber der Region nachkommt“. Krützen erwartet ein klares Bekenntnis des Konzerns, „den Rückbau der Kraftwerke zu übernehmen“. Grevenbroich werde schnell und massiv die Auswirkungen der Einigung zu spüren bekommen. Das müsse kompensiert werden, „indem für uns zentrale Projekte unbürokratisch und so schnell wie möglich umgesetzt werden – dazu gehört das S-Bahn-Netz Rheinisches Revier“. Hier setzt der Bürgermeister auch auf die Unterstützung der Landesregierung.

Die erzielte Einigung müsse nun schnell rechtlich bindend festgelegt werden, fordert Landrat Hans-Jürgen Petrauschke. „Dabei muss auch die finanzielle Förderung der vier Bundesländer mit 40 Milliarden Euro festgeschrieben werden“, betont er. Die Strukturmittel sollten jetzt schnellstmöglich dazu genutzt werden, um die notwendigen neuen Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. Vier wesentliche Punkte müssten hierfür umgesetzt werden.

„Wir benötigen ausreichend Industrie- und Gewerbegebiete. Die Verkehrsinfrastruktur muss bedarfsgerecht gestärkt werden, einschließlich der Schienenverbindung Düsseldorf-Neuss-Grevenbroich-Aachen. Zudem brauchen wir flächendeckend Breitband- und 5-G-Ausbau sowie schnellere Genehmigungsverfahren“, zählt der Landrat auf. Zum Erhalt der energieintensiven Industrie sei es zudem wichtig, dass auch künftig jederzeit kostengünstiger Strom aus heimischen Energiequellen verfügbar sei. „Wenn dies gelingt, bin ich mir sicher, dass wir auch nach 2038 einer der wirtschafts- und innovationsstärksten Kreise in Deutschland bleiben“, blickt Petrauschke positiv in die Zukunft.

Der Fahrplan zum Kohleausstieg stelle die Region vor großen Herausforderungen, betonen SPD-Landratskandidat Andreas Behnke, -Kreisfraktionschef Rainer Thiel und -Kreisvorsitzender Daniel Rinkert in einer Pressemitteilung – und sie machen deutlich: „Wir erwarten zeitnah eine Erklärung von RWE zur künftigen Nutzung des Standortes Frimmersdorf.“

SPD regt Grundstücksfond
zum Erwerb der Fläche an

Eine Projektgesellschaft zur Entwicklung der 120 Hektar großen Flächen, so wie sie die Stadt gemeinsam mit dem Energiekonzern plant, gehe in die richtige Richtung. Da Grevenbroich zu den Städten zähle, die zunächst die Hauptlast des Ausstiegs tragen werden, brauche die Stadt finanzielle Unterstützung von der Landesregierung. Die SPD regt einen Grundstücksfonds zum Erwerb der 300 Hektar großen, sogenannten landesbedeutsamen Industriefläche nahe des Kraftwerks Neurath an. Dort könne Forschung, Industrie und Gewerbe angesiedelt werden. Behnke, Thiel und Rinkert kündigen zudem an, dass sie sich bei den weiteren parlamentarischen Beratungen zum Strukturstärkungsgesetz dafür einsetzen werden, „dass das geplante Salzspeicherkraftwerk nun am Standort Neurath errichtet wird und somit ein Teil der Arbeitsplätze erhalten bleiben kann.“

CDU-Chef Wolfgang Kaiser bedauert, dass das Rheinische Revier zunächst die größte Last des Kohleausstiegs zu tragen hat. „Umso wichtiger ist es jetzt, dass der Wegfall von Arbeitsplätzen schnell kompensiert wird“, sagt Kaiser.

(wilp)