Glaubensgemeinschaft in Grevenbro9ich

Glaube und Wirken einer Religionsgemeinschaft : Quäker berichten vom Schweigen

Grevenbroicher Paar gehört zu bundesweit etwa 250 Menschen der Glaubensgemeinschaft.

Freundlich ruht der Blick auf dem Betrachter, schlohweißes Haar umrahmt das sympathische Gesicht, auf dessen Scheitel ein schwarzer Hut ruht: So sieht er aus, der Quäker. In Grevenbroich soll ein Quartier nach der um 1650 gegründeten Glaubensgemeinschaft benannt werden. Etwa 250 Quäker gibt es nach Schätzungen deutschlandweit, zwei davon leben in der Schlosstadt.

Coosje und Neithard Petry sind Mitglieder der „Religiösen Gesellschaft der Freunde“, die sich auch Quäker nennen. Mit dem streng blickenden Mann, der einst auf einem Grevenbroicher Haferflocken-Silo zu sehen war, haben sie optisch nichts zu tun – und missionarischer Eifer ist beiden vollkommen fremd. In ihrem Leben gibt es weder Dogmen noch ein Glaubensbekenntnis. Basierend auf Akzeptanz und Toleranz ist „Offenheit das, was uns auszeichnet“, wie die gebürtige Niederländerin Coosje Petry ihr Dasein als Quäkerin beschreibt. Der Kitt, der Quäker miteinander verbindet und zusammenhält, sind „weltumspannende Sockel“, wie Neithard Petry Gebote wie nicht zu lügen, nicht zu töten oder etwas zu nehmen, was einem nicht gegeben ist, beschreibt.

In evangelisch geprägten
Häusern aufgewachsen

Die Eheleute, seit 50 Jahren verheiratet, sind in evangelisch geprägten Häusern aufgewachsen. „Mir wurde Nächstenliebe stark vorgelebt, das war gut“, erinnert sich der 76-Jährige. Den Weg zu den Quäkern fand der weltoffene Mann, der als 22-jähriger Maschinenbaustudent beispielsweise ein Praktikum in Alexandria (Ägypten) absolvierte, später die „vollkommen andere Kultur Japans kennenlernte“ und 1969, inzwischen mit seiner Coosje an der Seite, nach Kanada ging, um anschließend fünf Jahre in Washington DC (USA) zu leben. „1976, an Silvester, nahm ich mir vor, Segelfliegen zu lernen und zu ergründen, was es mit den Quäkern auf sich hat“, schildert Petry. Die Fliegerei ließ er bleiben, das Quäkertum ließ ihn und seine Frau nicht mehr los.

„Es ist irrelevant, was ich sage“, erzählt er. „Wichtig ist das Tun“. Im Sinne von Toleranz und Spiritualität steht die „konsequente Haltung“ im Vordergrund, beschreiben sie die „Leitlinien, die uns führen“. Egal, ob sie dabei einem Minister, dem Postboten oder einem Müllmann begegnen – „wir nehmen die Gleichwertigkeit von Menschen ernst“, sagen sie über die Irrelevanz von Klassen, Rassen oder Alter. Als Gemeinschaft in Deutschland „relativ klein“, wie sie die etwa 250 Glaubensfreunde bezeichnen, gibt es für sie keine heiligen oder unheilige Orte. „Wie ein Gottesdienst, nur ohne Kirche“ zelebrieren sie Andachten „als Ort der Stille“, die sie als eine Art „Gruppenmeditation mit Fokus aufs gemeinsame Erleben“ beschreiben. 25 dieser Andachtgruppen gibt es in Deutschland. Aber um Teil dieser Gemeinschaft zu sein, braucht es keine Mitgliedschaft. Und christliche Feiertage wie Ostern oder Weihnachten spielen nicht im spirituellen Sinn, sondern als Familienfest – die Petrys haben vier Kinder und freuen sich aufs zehnte Enkelkind – eine Rolle. „Die Inhalte, die uns führen, sind an jedem Tag gleich wichtig“, erklären sie auch jedwedes Datum für gleichrangig. Ebenso kennt das Quäkertum weder Taufe noch Abendmahl, „das Leben und der Respekt davor sind unsere Sakramente“.

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