Fatala Fehlentwicklung: In Grevenbroich fehlen Sozialwohnungen.

Preiswerter Wohnraum : Für Sozialen Wohnungsbau fehlen Flächen

Bis 2030 fehlen in Grevenbroich 1802 Wohneinheiten. Zu diesem Schluss kommt eine Studie. Hohe Baukosten und Flächenmangel erschweren ein Gegensteuern.

Die Zahlen sind alarmierend: Bis zum Jahr 2030 sind in Grevenbroich 631 zusätzliche Sozialwohnungen erforderlich. Das hatte das Bochumer Institut InWis in einer vom Rhein-Kreis Neuss in Auftrag gegebenen Studie ermittelt. Es besteht Handlungsbedarf, zumal in den kommenden zehn Jahren etliche öffentlich geförderte Wohnungen aus der Bindung herausfallen. Laut Stadt würde die Zahl dieser Wohnungen ohne die Schaffung zusätzlichen Wohnraums von 1461 Ende 2019 auf nur noch 990 in zehn Jahren schrumpfen.

Gegenüber diesen Dimensionen nimmt sich die Zahl der 2019 fertig gestellten Sozialwohnungen bescheiden aus: Gerade mal 40 konnten bezogen werden. Hoffnung auf schnelle Besserung besteht nicht: Wohl hat der Rhein-Kreis Neuss im vergangenen Jahr 17,2 Millionen Euro Fördermittel für 164 Wohneinheiten bewilligt. Doch davon entfallen auf Grevenbroich gerade mal 560 000 Euro für fünf geförderte Eigenheime. Für keine einzige Sozialwohnung in einem Grevenbroicher Mehrfamilienhaus wurden laut Kreis 2019 Mittel bewilligt.

Am Geld liegt es nicht, wie Landrat Hans-Jürgen Petrauschke betont, mehr als neun Millionen Euro Fördermittel wurden nicht abgerufen.„Ein Problem ist die Verfügbarkeit von Flächen. Wir haben zu wenig Bauland“, sagt Stadtsprecher Stephan Renner. „Ziel der Stadt ist es, allen Bevölkerungsgruppen ausreichend Wohnraum zur Verfügung zu stellen.“ Bislang gelingt das nicht. Es fehlt an Grundstücken – laut Stadt nicht nur für Eigenheime, sondern auch für Mehrfamilienhäuser. Immerhin: Im zweiten und dritten Abschnitt des Baugebiets An Mevissen sollen in Wevelinghoven 60 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern entstehen, am Lohweg in Neukirchen im ersten Abschnitt 43.

Ob dort aber Sozialwohnungen errichtet werden, steht nicht fest: „Im Rahmen der Bebauungsplanverfahren können wir nicht festschreiben, dass dort öffentlich geförderte Wohnungen entstehen. Wir können nur durch den Zuschnitt von Flächen den Bau von mehrgeschossigen Wohnungen ermöglichen“, erläutert Renner. Wohl aber kann die Stadt im Rahmen von städtebaulichen Verträgen oder beim Grundstücksverkauf Vereinbarungen mit dem Investor für sozial geförderten Wohnraum treffen. So entstanden 2018/2019 an der Langwadener Straße in Wevelinghoven 28 öffentlich geförderte Miet-Reihenhäuser. Die Stadt hat ein Belegungsrecht. Bauherren sind Martin und Michael Dornieden von der Dornieden-Gruppe in Mönchengladbach.

Doch das reicht alles nicht. Das große Baugebiet im Gustorfer Norden kommt seit langer Zeit nicht voran nicht voran. Die Baugebiete Kapellen III und IV werden erst in einigen Jahren realisiert. Eine positive Nachricht für die Zukunft: Bei der Änderung des Regionalplans will die Bezirksregierung für Grevenbroich zusätzlich Flächen für rund 2600 Wohneinheiten ausweisen. Die Stadt drängt auf noch mehr Wohnbauareale in Neukirchen und Hemmerden. Die neuen Flächen „gilt es nun umzusetzen“, appelliert Landrat Petrauschke nicht an Grevenbroich.

Doch es gibt weitere Hürden, wie Hubert Zimmermann, Vorstand beim Bauverein Grevenbroich, weiß: Im sozialen Wohnungsbau seien die Baukosten hoch, weil hohe Standards zu erfüllen seien. „Im sozialen Wohnungsbau muss barrierefrei gebaut werden, Balkon oder Terrasse sind vorgeschrieben“, erläutert Zimmermann. „Frei finanziert kann man einfacher bauen.“ Dennoch übernimmt die Wohnungsgenossenschaft mit 1600 Mitgliedern seit Jahrzehnten erhebliche soziale Verantwortung: Von 310 neuen Bauverein-Wohnungen in den vergangenen zehn Jahren sind 236 – und somit drei Viertel – Sozialwohnungen. Bis 2021 entstehen 15 weitere an der Richard-Wagner-Straße.

Der Landrat sieht weiteren Handlungsbedarf: „Wir brauchen in weiten Teilen des Kreises einen Akteur, der sich gezielt um die Schaffung von preisgünstigem Wohnraum kümmert. Der Kreis ist gewillt, sich einzubringen“, betont Petrauschke. Er hatte bereits vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, dafür eine Service- und Koordinierungsgesellschaft zu gründen.

Grevenbroich möchte mit einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft noch einen Schritt weiter gehen. Die SPD-Fraktion hat bereits 2018 beantragt, eine solche Gesellschaft, auch gemeinsam mit anderen Kommunen, zu prüfen. Bürgermeister Klaus Krützen befürwortet die Gründung einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. „Wir sind mit anderen Kommunen im Gespräch“, heißt es aus dem Rathaus. Details nennt die Stadt zum derzeitigen Zeitpunkt nicht, doch Gerüchten zufolge werden Fühler etwa nach Bedburg ausgestreckt.