Europawahl im Kreis Neuss - Rot oder Grün - wer wird zweitstärkste Kraft?

Sonntag wird das 9. Europäische Parlament gewählt : Europawahl spannend für Kreis

Sonntag sind 335 000 Bürger im Rhein-Kreis zur Europawahl aufgerufen.

Seine Schmerzgrenze taxiert er bei 18 Prozent. „Darunter fängt die herbe Enttäuschung an“, sagt Sascha Karbowiak. Der Umkehrschluss: „Ein Ergebnis, das nahe an 20 Prozent kommt, wäre ein kleiner Erfolg.“ Die Erwartungshaltung, mit der der Neusser SPD-Chef in die Europawahl am Sonntag geht, zeigt, wie bescheiden die Sozialdemokratengeworden sind. 18 Prozent würden in Neuss (28,4 %) und im Rhein-Kreis (27,3 %) ein Minus von rund zehn Prozentpunkten gegenüber der 2014er Wahl bedeuten. Sein Kreisvorsitzender Daniel Rinkert aus Grevenbroich nennt keine konkreten Zahlen. Sein Ziel: „Wir wollen kreisweit besser abschneiden als im Bund.“

Entspannter als die Spitzengenossen blickt Christian Gaumitz dem Urnengang entgegen. „Ein deutlich zweistelliges Ergebnis“ erhofft sich der Obergrüne aus Kaarst für seine Partei, die bundesweit von einem Umfragehoch beflügelt wird. Als Kreissprecher weiß Gaumitz, dass Bündnis 90/Die Grünen im Rhein-Kreis meist unter Bundes- und Landesschnitt einlaufen. Hinzu kommt ein Nord-Süd-Gefälle im Kreis. In Kaarst, Meerbusch, Korschenbroich und Neuss fahren die Grünen traditionell höhere Prozentsätze ein als in industriell geprägten Kommunen wie Dormagen, Grevenbroich, Jüchen und Rommerskirchen. Die Bündnisgrünen spüren auch personellen Rückenwind: 20 Eintritte steigerten die Mitgliederzahl auf mehr als 250.

Die Erwartungen der Sprecher von SPD und Grünen zeigen, dass die Europawahl eine lokale Komponente besitzt. Eineinhalb Jahre vor der nächsten Bürgermeister- und Kommunalwahl könnten sich die Kräfte derart verschieben, dass es um die Frage geht: Wer wird zweitstärkste Partei im Rhein-Kreis? Können die Grünen erstmals die SPD überholen?

Platz eins im Rhein-Kreis scheint vergeben. Die CDU lag mit 41 Prozent vor fünf Jahren weit vorn. „Spekulative Aussagen mache ich nicht“, sagt der Vorsitzende, Finanzminister Lutz Lienenkämper.

Die FDP blickt eher zurückhaltend
auf den Wahlsonntag

Aber auch ihm wird klar sein, dass seine Partei vor Verlusten steht und kreisweit wohl kaum die 40-Prozent-Marke schafft. Sein Parteifreund Jürgen Brautmeier, CDU-Chef in Neuss, redet hingegen Klartext: „Ich freue mich, wenn eine drei vorne steht.“ Er sei sicher, dass in Neuss die CDU ein besseres Ergebnis erzielen werde als in Bund und Land: Der Neusser Landtagsabgeordnete Jörg Geerlings sieht seine CDU am Sonntag bundesweit „über 30 Prozent“ und in Neuss „klar vorn“. Für ihn ist die Europawahl ein „erster wichtiger Hinweis“ auf den Trend zu den kommenden Kommunalwahlen 2020.

Die FDP blickt eher zurückhaltend auf den Wahlsonntag. Geht es nach ihrem Kreisvorsitzenden, den Grevenbroicher Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai, springt am Ende an Rhein und Erft ein „zweistelliges Ergebnis“ heraus. Das wäre eine Verbesserung um zumindest vier Prozentpunkte im Vergleich zu 2014 (6,1 %); aber mit Blick auf die Wahlen zum Bundestag (16,8 %) und Landtag (16,6 %), jeweils in 2017, ein eher bescheidenes Abschneiden.

Bei zehn Prozent sieht Kreissprecher Dirk Kranefuß aus Neuss seine AfD: „Wir waren schon mal optimistischer. Dann kamen die Dämpfer.“ Jetzt sagt er: „Alles, was über zehn Prozent liegt, ist wünschenswert.“ Irgendwer müsse ja gewinnen, wenn CDU, SPD und FDP schwächeln. 2014 erzielte die AfD 5,7 Prozent.

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