Wie Dormagen vor 50 Jahren zur Stadt wurde

Lokalgeschichte : Dormagen feiert am Sonntag seinen 50. Geburtstag

Vor 50 Jahren – genauer am 1. Juli 1969 – wurde Dormagen zur Stadt. Zum Jubiläum gibt es viele Aktionen beim Michaelismarkt.

Der 1. Juli 1969 beschrieb einen Meilenstein in der Dormagener Stadtgeschichte. An diesem Tag trat das „Gesetz zur Neugliederung von Gemeinden des Landkreises Grevenbroich“ vom 24. Juni in Kraft, in dem es heißt: „Die Gemeinden Dormagen und Hackenbroich (Amt Dormagen) werden zu einer neuen amtsfreien Gemeinde zusammengeschlossen. Die Gemeinde erhält den Namen Dormagen und führt die Bezeichnung ´Stadt`. Das Amt Dormagen wird aufgelöst. Rechtsnachfolger ist die Stadt Dormagen“. Am Abend des 30. Juni – „um 20.14 Uhr“, wie die örtliche Presse präzise vermerkte – trat Gustav Geldmacher, letzter Bürgermeister des Amtes Dormagen und bald erster Bürgermeister der neuen Stadt, an das „fahnengeschmückte Rednerpult“ vor dem Dormagener Rathaus und verlas den Wortlaut des Neugliederungsgesetzes. Um Mitternacht wurde die Stadterhebung dann mit Glockengeläut und 21 Böllerschüssen gefeiert. „Der Mond“, so sollen die Teilnehmer des mitternächtlichen Ereignisses laut Presseüberlieferung konstatiert haben, habe „die Szene in mattgoldenes Licht“ getaucht.

Die Stadtwerdung beschrieb nichts weniger als eine der weitreichendsten Veränderungen der Verwaltungsverhältnisse im Raum Dormagen seit 1816. Damals wurden die drei preußischen Bürgermeistereien (seit 1927 Ämter genannt) Dormagen, Nievenheim und Zons im hiesigen Stadtgebiet eingerichtet. Innerhalb der drei Bürgermeistereien bildeten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts sechs Gemeinden heraus, die über einen eigenen Etat und somit ein gewisses Maß an Selbstständigkeit verfügten. Die Bürgermeisterei Dormagen kannte mit Dormagen und Hackenbroich zwei solcher Gemeinden.

Im Laufe der Jahrzehnte hatte es wiederholt Bestrebungen gegeben, die Verwaltungsverhältnisse im Dormagener Raum zu verändern. Häufig stand dabei die Zugehörigkeit des lukrativen „Bayerwerks“ (Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co.) im Mittelpunkt, so beispielsweise im und nach dem Ersten Weltkrieg, als eine Eingemeindung Dormagens in den Land- bzw. Stadtkreis Köln diskutiert wurde. Im Zuge der kommunalen Neugliederung 1929 beanspruchten dann sowohl die Stadt Düsseldorf als auch der Kölner Regierungspräsident die Zuteilung Dormagens zu ihrem Zuständigkeitsbereich. Realität wurde keine dieser Bestrebungen.

Die Stadtwerdung war letztlich Ergebnis des übergeordneten Prozesses der kommunalen Neugliederung in Nordrhein-Westfalen seit Mitte der 1960er Jahre. Die Landesregierung war bestrebt, die administrativen Strukturen jenen Veränderungen anzupassen, die sich insbesondere infolge von Bevölkerungsverschiebungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet hatten. In einem ersten Schritt setzten die Regierenden auf freiwilligen Zusammenschluss einzelner Gemeinden.

In Dormagen und Hackenbroich standen die Zeichen für ein Zusammenwirken günstig. Schon 1964 hatten beide Gemeinderäte beschlossen, eine Reihe gemeindlicher Aufgaben, u. a. aus den Bereichen Sport, Wirtschafts- und Verkehrsförderung, Müllabfuhr und Wasserversorgung, auf das Amt Dormagen als gemeinsame Verwaltungsebene zu übertragen. Zudem hatte vor allem die Gemeinde Dormagen wegen des starken Zuzugs von Arbeitskräften für das Bayerwerk und die Erdölchemie in den „Wirtschaftswunderjahren“ bedeutenden Bevölkerungszuwachs erfahren. Lag ihre Einwohnerzahl anno 1946 bei 6598, so stieg sie bis 1968 auf 24 278 an – die Bevölkerung der Gemeinde hatte sich innerhalb von gut 20 Jahren beinahe vervierfacht. Im kleineren Hackenbroich fiel das Bevölkerungswachstum nicht annähernd so stark aus (1946: 2370; 1968: 5488). Allerdings verfügte Hackenbroich im Unterschied zu Dormagen über Flächenreserven für den Wohnungsbau. So verwundert es nicht, dass sich beide Gemeinden schon vor 1969 bei der Bauleitplanung aufeinander zu bewegten. Bereits 1966 wurde die Aufstellung eines gemeinsamen Flächennutzungsplanes beschlossen.

Am 15./16. Oktober 1968 beschlossen beide Gemeinderäte einen entsprechenden Gebietsänderungsvertrag. Diesem Vertrag stimmten sowohl der Landkreis Grevenbroich, der seinerseits massiv in die Neugliederungsdebatten involviert war und durch Oberkreisdirektor Dr. Paul Edelmann ähnliche Ideen entwickelt hatte, als auch die Landesregierung zu. Im Juni 1969 beschloss der NRW-Landtag das Neugliederungsgesetz für die Gemeinden des Landkreises Grevenbroich.

Im Unterschied zu Dormagen und Hackenbroich reagierten die Verantwortlichen in den drei zum Amt Nievenheim gehörigen Gemeinden Nievenheim, Straberg und Gohr sowie in der Stadt Zons reserviert auf die Neugliederungswünsche des Landes.

Überall fühlten sich die Räte der Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit ihrer Gemeinden verpflichtet. Konstruktive Planungen eines freiwilligen Zusammenschlusses wurden nicht oder erst spät und halbherzig unternommen – vermutlich in der Hoffnung, man werde von der Neugliederung verschont bleiben.

Ungeachtet der Vorgaben des Landes sowie struktureller Faktoren konnte die Stadtwerdung Dormagens letztlich nur realisiert werden durch umsichtiges und entschlossenes Handeln der damaligen Verantwortlichen. Auf Dormagener Seite sind vor allem Bürgermeister Gustav Geldmacher und Amtsdirektor Arno Janzen zu nennen, dessen Ratsvorlagen sich „geradezu wie Denkschriften zur wirtschaftlichen und städtebaulichen Entwicklung in Dormagen“ (Gert Ammermann) lesen. Für Hackenbroich war Bürgermeister Franz Faßbender der zentrale Akteur.

Der Zusammenschluss der Gemeinden Dormagen und Hackenbroich sowie die damit verbundene Stadtwerdung waren nur der erste Schritt auf dem Weg zur Bildung der Stadt Dormagen in ihren heutigen Grenzen. Zum 1. Januar 1975 wurde Dormagen mit der selbstständigen Gemeinde Stadt Zons sowie den Gemeinden Nievenheim, Straberg und Gohr zu einer neuen Gemeinde zusammengeschlossen, die den Namen Dormagen erhielt und die Bezeichnung Stadt führte.

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