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Museum: Heuschrecken am Aschenbecher

Museum: Heuschrecken am Aschenbecher

Der Anbau des Kreismuseums mit der berühmten Jugendstilsammlung wurde umgestaltet.

Dormagen. Für viele mag es ein mutiger, fast schon progressiver Schritt gewesen sein, dass der Rhein-Kreis Neuss sein 1972 eröffnetes Kreismuseum nicht der lokalen Geschichte, sondern der Kunst gewidmet hat. Sieben Jahre lang führte die junge Museumsleiterin Helene Blum-Spicker „eher eine Galerie als ein Museum“, wie ihre Nachfolgerin Angelika Riemann es beschreibt.

Erst mit dem Ankauf der Sammlung Giorgio Silzer, einer Kollektion von Zinngegenständen aus der Epoche des Jugendstils, verschaffte Blum-Spicker dem Haus im Jahre 1979 einen eigenen Bestand, der mittlerweile auf 1800 Exponate gewachsen ist und das Ausstellungshaus an der Zonser Schloßstraße europaweit herausragen lässt. Nirgends sonst auf dem Kontinent ist eine so umfassende Jugendstil-Sammlung öffentlich zu sehen.

Weil immer nur ein Bruchteil der Sammlung in Zons gezeigt werden kann, wird die im gläsernen Anbau untergebrachte Ausstellung regelmäßig neu konzipiert. In diesen Tagen hat Karina Hahn, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, die Glasvitrinen wieder neu bestückt.

Insekten stehen nun für die nächsten drei Jahre thematisch im Fokus. Zwei einander zugewandte Heuschrecken zieren einen Aschenbecher, ihre Vorderbeine bilden die Halterung für eine Streichholzschachtel. Hier umspannen stilisierte Schnecken eine Vase, dort breitet eine Libelle ihre Flügel auf einem Tablett aus, ihr segmentierter Körper und die Netzstruktur von Entwerfer und Modelleur bis ins kleinste Detail filigran ausgeführt.

Die Verzierung einer anderen Schale lässt den abstrahierten Schmetterling nur erahnen. Die Exponate sind nicht zwingend schön, bestechen aber durch die kunstvolle Ausarbeitung. „Oft sind die Insekten hier nicht als zentrales Motiv zu sehen, sondern als Bestandteil einer intakten Natur“, erklärt Karina Hahn.

Das Interesse an Insekten, mit über einer Million verschiedener Arten die vielfältigste Spezies überhaupt, kam in Europa erst während des Jugendstils auf. Während etwa der Schmetterling durch seine christliche Auferstehungs-Symbolik von jeher positiv besetzt war, trat die Libelle eher in düsteren Zusammenhängen auf.

„Sie wurde zum Beispiel mit toten Sündern abgebildet“, berichtet Fabian Bell. Der Student der Kunstgeschichte absolviert ein Praktikum im Kreismuseum Zons. Er weiß: „Im ostasiatischen Raum wurde die Libelle eher positiv wahrgenommen.“ Museumsleiterin Riemann: „Die Japaner verglichen die Form ihres Inselreichs sogar mit einer Libelle.“

Die neu konzipierte Sammlung zeigt die 74 expressivsten, künstlerisch anspruchsvollsten aus 1800 Exponaten. Dem Betrachter bieten sich faszinierende Ansichten der bis dato als unbedeutend eingestuften Kleinstlebewesen. Wer den Ausstellungsstücken auf spielerische Weise nahekommen will, kann auf „Entdecker-Rallye mit Harry Heu-Schreck“ gehen. Die Fragebögen dazu gibt es an der Museumskasse.

Der Jugendstil mit seinem Faible für Fauna und Flora steht in diesem Sommer auf allen Etagen des Kreismuseums und auch im angrenzenden Park im Mittelpunkt. Während draußen Beinwell und Fingerhut blühen, leuchtet in der oberen Museumsetage das Licht des Nordens. Dort ist noch bis zum 24. August Jugendstilporzellan aus der schwedischen Manufaktur Roerstrand zu sehen.