Explosion im Chempark Dormagen: Das Avanti-Feuer vom 7. Mai 1999

20 Jahre nach der Explosion im Chempark Dormagen : Als die „Avanti“ in Dormagen unterging

Vor 20 Jahren explodierte am Chempark ein Tankschiff. Wir erinnern an das Unglück.

Als diese unheilvolle Nacht im Mai 1999 beginnt, fließt in der Gaststätte von Ulrich Jung das Bier noch eisgekühlt aus dem Zapfhahn. Tagsüber schien die Sonne, ein warmer, trockener Donnerstag, klarer Himmel, „die Bude war also voll“, daran erinnert sich der heute 63-Jährige noch ganz genau.

Erst nach Mitternacht gehen die letzten Gäste, Jung schließt ab, setzt sich auf sein Fahrrad und fährt über die Rheinfelder Straße nach Hause. „Dann habe ich plötzlich den gewaltigen Knall gehört“, sagt er. Die Explosion kommt aus Richtung des Rheins und sie ist so laut, dass Anwohner aus dem Schlaf gerissen werden, kilometerweit ist sie zu hören, heißt es später in den Berichten. Jung fährt zum Ufer, er will nachsehen, ob jemand Hilfe braucht. Und tatsächlich: Sie wird gebraucht.

Riesige Rauchschwaden
zogen vom Hafen Richtung Stadt

Einige hundert Meter von ihm entfernt trifft die Feuerwehr ein. Schnell ist klar, was passiert ist, nur die Folgen sind noch nicht abzusehen. Gegen 1.30 ist das Tankschiff „Avanti“ explodiert, das über eine Brücke der EC Erdölchemie befüllt wurde. 750 Tonnen Leichtbenzin hatte der Tanker geladen. Der Himmel färbt sich glutrot, der Bereich um die Anlegestelle steht komplett in Flammen. Brennende Benzinlachen treiben den Rhein abwärts und stecken dort zwei weitere Schiffe in Brand. Einsatzleiter vor Ort ist der Kölner Stephan Neuhoff, schon damals gehört er zu den besten Feuerwehrleuten Deutschlands. Zehn Jahre später wird er den Einsatz nach dem Einsturz des Stadtarchivs Köln koordinieren. Der Oberbürgermeister beschreibt ihn als „große Vertrauenspersönlichkeit“.

Während die Brandbekämpfer das Feuer bändigen, sorgt sich Neuhoff um die riesigen Rauchschwaden, die vom Hafen Richtung Dormagen ziehen. „Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was diese Wolke enthält“, sagt Neuhoff heute. Noch mitten in der Nacht schickt er seine Leute in die Innenstadt. Mit Lautsprecherwagen und Unterstützung der Polizei fahren sie durch die Straßen und fordern die Dormagener auf, Türen und Fenster zu schließen. Viele Bürger sind verunsichert, es besteht, so sagt es die Feuerwehr, Vergiftungsgefahr.

Am Hafen kommt es unterdessen zu dramatischen Szenen. Die „Avanti“ bricht in der Mitte auseinander und sinkt. Die Besatzung des Tankers „LRG 23“, der in ungefähr 150 Metern Entfernung ankert, wird im Schlaf von den Flammen überrascht. Einer der Matrosen verbrennt in der Kajüte, ein anderer ertrinkt im Rhein. Auch die Matrosen der „Avanti“ sind über Bord gesprungen, nur vom 20 Jahre alten Sohn des Kapitäns fehlt jede Spur. Später ist klar: Es ist der dritte Tote.

80 Tonnen Benzin flossen
in dieser Nacht in den Rhein

Auch Ulrich Jung erreicht jetzt die Unglücksstelle. Die „Avanti“ liegt etwa 100 Meter vor ihm. Er klettert über die Steine zum Ufer und entdeckt einen Matrosen in der Dunkelheit. „Da bewegte sich etwas im Wasser, jemand kämpfte sich ins Trockene“, erzählt er. Jung rennt, seine Schuhe werden nass und plötzlich hält er einen Mann mittleren Alters im Arm. „Er sprach Holländisch, ich konnte ihn kaum verstehen.“ Es ist ein Matrose der „Avanti“. Jung bringt ihn zu den Sanitätern, leiht sich eine Taschenlampe und hilft bei der Suche nach Opfern.

Bis in den frühen Morgen löscht die Feuerwehr die Brände. 80 Tonnen Benzin fließen in dieser Nacht in den Rhein. Am nächsten Tag verkündet Hagen Noerenberg, Geschäftsführer der EC, dass man keine Unregelmäßigkeiten habe feststellen können und die Ursache der Explosion wohl auf dem Schiff lag. Gerüchte machen die Runde, jemand habe dort geraucht. Später kommen Gutachter zu dem Schluss, dass es auf dem Tanker ein Problem mit der Befüll-Anlage gab. Sie soll undicht gewesen sein. Von einer Zigarette ist keine Rede mehr. Die Staatsanwaltschaft Köln stellt die Ermittlungen ein, die EC – später Ineos Köln – und die Reederei streiten sich mehr als zehn Jahre vor Gericht und einigen sich auf einen Vergleich.

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